Durcheinander

Also in den letzten Wochen läuft irgendwie wieder Alles quer ….  oder auch nicht, keine Ahnung. Ich habe das Gefühl die Zeit hat auch Stress und rennt vor mir fort. Leider komme ich nicht mehr hinterher, denn meine Hüfte, Knie und Rücken machen echt doof. Dh., dass mein Schmerzmittelkonsum ansteigt und meine Leber eher auf dem absteigenden Ast ist. Mal sehen, wer gewinnt. Jetzt muss ich mir auch noch merken, wann ich wo wie lange zu Fuß hin will, damit ich mir rechtzeitig ne Dröhnung verpasse. Meistens verpasse ich das rechtzeitige Einnehmen. Mein armer Osteopath muss sich mein Gemecker dauernd anhören, wenn ich sage, es tut weh, dann kommt ein freundliches: ja ja, ich weiß. Ja ich auch. Dann das freundliche: ich weiß eh nicht wie der Körper das die ganzen Jahre hingekriegt hat. Toll, wer will das wissen? Ich will wissen wie das weiter geht. Ja eher langsamer und mit mehr Aua. Von neuer Hüfte krieg ich weiterhin abgeraten, er meint, da ich das Bein ja zum rechts ausklappen brauch wäre der Aufwand zu groß, das würde ich einmal machen, dann springt die Kugel aus der Pfanne, das Bein bleibt in der Position stehen und dann ham wa den Salat. Na dann ………… wie sagte der von mir sehr geschätzte Frank Elstner die Tage über seine Parkinsonerkrankung: na dann zitter ich eben. Recht hat er, na dann jammer und humpel ich eben …..

Eigentlich lief es soweit ganz gut, wenn auch langsam und dann stirbt plötzlich jemand, die eigentlich so das Erfolgsvorbild war, mehrfach Krebs über lange Jahre und dann macht des buff und das war es. Abgesehen davon, dass sie eine ganz tolle Frau war und viel bei der Allianz gegen Brustkrebs für uns Alle getan hat, man denkt sofort, scheiße, du kannst dir keine Minute sicher sein, irgendwann auch wenn du schon vergessen hast, dass du Krebs hattest, irgendwann erwischt dich das Drecksbiest. Mal ehrlich, wir denken doch Alle, ne wir sterben daran nicht. Hat nichts mit Hoffnung oder so zu tun, ich glaube, das ist der angeborene Verdrängungsmechanismus. Also war erst mal nen kurzer mentaler Absturz angesagt. Um da wieder rauszukommen dachte ich, okay, wenn nicht jetzt wann dann und ging schnurstracks zu der Autoverkäuferin meines Vertrauens und sagte: Hallo, ich hab vor ner Stunde beschlossen, ich brauch nen neues Auto. Der Fairness halber ……….. ich hatte eh schon drüber nachgedacht, allerdings erst für 2020.  2020 !!!!!  Da kann ich schon längst in den ewigen Jagdgründen sein. Ich will jetzt sofort und laut und auffällig, ich lebe noch. Da passt es prima, dass das Auto in der wunderschönen Farbe tornadorot zu kriegen ist. Ja, das bin ist, fett rot und überhaupt. So schnell hab ich noch nie ein Auto gekauft. Meine Tante Hilla sagte immer: Kind, wenn du was haben möchtest und es dir leisten kannst, dann mach es einfach. Und wenn du morgen früh tot aufwachst, dann hattest du einen Abend Spass dran. Tja, meine Patentante hatte es drauf. Abgesehen davon machen meine Gebrechen ein wenig mehr Technik notwendig und ein altes Auto umrüsten bringt es nicht. Jedenfalls bekomme ich Ende November ein neues Auto und freu mich einfach mal. Und es wird den Namen meines Vorbildes bekommen. Mein jetziger heißt Dicker, ist ja auch nicht so nett.

Was mich immer wieder erschreckt  …………  mein Körper und mein Hirn können sich ohne Probleme komplett voneinander lösen. Ich hab da gar kein Mitspracherecht. Wie schon mehrfach erwähnt, ich sehe ja nur auf meinem, im Februar operierten rechten Auge. Ich dachte letztens immer mal, ey, irgendwie ist da ein Störgefühl, zu trocken … was weiß ich. Letzte Woche dann wollte ich mir dann ne Linse ins Auge zwirbeln, dazu brauch ich meinen linken Fuß, am besten nen Teelöffel und ruhige Finger, klingt nach: hä ??? klappt aber gut. Ich klappe also das Unterlid um und seh da eine Verdickung. Ich hätte jetzt Tumor gesagt, hab aber rausgefunden, dass dann jeder Schnappatmung kriegt, weil Tumor gleich Krebs, was ja nicht stimmt aber jeder denkt. Fehler Nummer eins: ich habe gegoogelt, natürlich mit Bilder, alle Fotos, egal ob gut- oder bösartige Tumore, alle sahen aus wie meiner, der hier vielleicht von der Farbe, der von der Form usw.. Aber wir machen uns ja nicht hysterisch ….. nein, es ist ein Gerstenkorn oder weiß der Geier, alles gut, in 2 Wochen hast du eh Augenarzttermin, das reicht. Schluss jetzt, reiß dich zusammen. Gesagt, getan, ging den ganzen Tag gut aber dann kommt die böse dunkle Nacht und ich spürte schon die Anwesenheit der sich reibenden Hände: leg dich erst mal hin, dich kriegen wir schon. Okay, zwei Gläser Wein später und nachts so gegen 3 hatten sie mich dann:  so, du denkst also es ist nichts Schlimmes? Ist ja ganz schön mutig. Du weißt, wenn das rausoperiert werden muss, dann kommt da ein Verband drauf und du kannst gar nichts mehr sehen, Ha, das wird lustig.  Und wenn es wieder Krebs ist …….. haste gelitten, tja, ist ja auch Pech, gerade das Auge, an dem anderen Auge wärs ja nicht jetzt son Stress, so in der Art und noch weiter …………. du solltest mal zum Arzt. Nachdem ich das dann zwei anderen Leuten gezeigt habe und die auch meinten, ey, geh zum Arzt dachte ich dann, nein, du bist schon groß, jetzt ist es aber gut, warte bis zum Termin und hör jetzt auf wie ein Baby zu machen. Mehrere Unkonzentriertheiten und Durchfälle später hatte ich mich kleingekriegt und erst mal Hautarzt angerufen, ne, nicht da, erst nach Ferien, kriegen dann gleich Termin, nein, bei dem Anderen nix frei……….  Augenärztin angerufen. Problem geschildert, ich gleich gesagt, ich weiß, es ist kein Notfall aber …..  okay, kommen Sie um 14.40 Uhr, geil………  meine Dankbarkeit kannte keine Grenzen. Ich also hin und musste echt nur kurz warten und dachte so, was ist jetzt wenn die sagt, oh, das sieht nicht gut aus……….  das ist echt nicht das primäre Problem. Ich kann mit einer Diagnose leben, nicht nur, weil ich es muss, was ich nicht mehr kann ist warten. Es ist unerträglich. Liebe Ärzte, ich weiß, Krebs ist keine Akuterkrankung, ich habe lange genug in der Branche Staub geputzt, wie meine Mutter immer sagte, aber Ihr wisst nicht, was einen das kostet zu warten, zumal, wenn man schon einmal Krebs hatte. Es ging in meinem Fall auch nicht um Untersuchungen, nur einmal draufschauen und Meinung abgeben. Das dauert keine Minute. Ich wäre auch entspannter mit Diagnose: oh gewesen, nicht zu wissen was ist, ist tödlich. Die Zeit könnt  Ihr bitte dazwischenschieben. Also zu 95 bis 99 Prozent ist das Ding bei mir gutartig doof, aber trotzdem, mein Darm interessiert sich nur für Antworten. Aber ich bin der Frau unendlich dankbar, sie sagte, klar, ich verstehe sie total.

Schluss mit dem Scheiß, ich hatte ein total tolles Erlebnis. Ich durfte den Fotografen Pierre Steinhauer aus Wuppertal kennen lernen. pierre-steinhauer.de. Es ging eigentlich um Krebs, er fand aber schlussendlich, Contergan sei das Thema des Tages und machte, mich absolut berührende Schwarzweißfotos. Ich fand mich in denen sowas von wieder ……. es ist unglaublich wie sehr er mich gesehen hat, also mich. Und ich mich. Momentan hab ich die nur auf meiner Facebook Seite da ich ja technisch begabt bin wie Toastbrot. Ich habe jetzt aber eine ganz liebe Freundin, die diesen blog ein bisschen schöner macht und das mit den Bildern kann und ich hoffe, sie sind hier bald zu sehen. Nicht, dass ich dich jetzt irgendwie unter Druck setzen will ………… nein, mach langsam.

Tja, es ist wie es ist ………….. hoffentlich ist es noch lange.

Nachtrag:
Hier nun die Fotos Fotoshooting bei Pierre Steinhauer

Resilienzen

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Resilienzen ………… irgendwie haut damit gerade jeder rum. Die Fähigkeit, psychische Widerstandskraft, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überwinden. Oder kurz gesagt: Kacke in Gold umwandeln. Irgendwie hatte meine Resilienz die Fähre von Oslo nach Kiel verpasst. Aber es war ein echt geiler Urlaub. Ich habe Bekanntschaft gemacht mit Körperteilen und Knochen, von denen ich bislang nicht wusste, wozu genau ich die habe. Über 6200 km mit dem Bus durch Schweden, Finnland, Lappland zum Nordkap und links wieder runter durch Norwegen und die Lofoten. Ganz ganz toll. Ehrlich, ich hab vorher nicht gewusst ob ich das schaffe, also mein Fahrgestell. Bus raus … rein, gucken, staunen, freuen, jeden Abend ein anderes Hotel, Tasche oder Koffer rein … raus. Die Hymne, die Beppo (Reiseplaner, bester Busfahrer ever etc.) jeden Tag laut spielte: Dieser Weg wird kein leichter sein ………. , der Titel war Programm. Jedenfalls mit ohne Arme gibt es da ein paar Dinge zu bedenken, vor Allem die Klos. Wenn man den ganzen Tag unterwegs ist ……….. und dann unterwegs Klos zu klein, zu eng, zu dreckig, zu was weiß ich. Also habe ich erst mal getestet ob ich noch unten dicht bin. Ich bin echt nur morgens und abends in den jeweiligen Hotels aufs Klo. Das hatte ich früher perfektioniert, dass das im Alter noch funktioniert ………  cool, also hat die Schwerkraft meine Blase noch nicht erreicht. Und ich danke dem zuständigen Gott, dass er mich nicht mit Durchfall beschenkt hat.  Dann die Hotelzimmer, musste Heidrun immer erst bei mir mit gucken, die Handtücher im Bad liegen zu hoch, die Brause in der Dusche hängt zu hoch, wenn ich Pech hab krieg ich die Tür nicht alleine auf. Alles son Kleinkram. Aber Deutschland ist meilenweit entfernt von den Ländern. Überall Behindertentoiletten, alles barrierefrei. Ich hätte echt aufs Klo gekonnt …. aber mit so was will ich erst gar nicht anfangen.  Meine Hüfte, das Knie und der Fuß und der Rücken haben jeden morgen zum Frühstück eine Diclo100 Retard bekommen. Dazu ein paar mahnende Worte: ey Leute, 14 Tage mal Klappe halten muss drin sein. Und wahrhaftig, ich bin zwar immer noch gehumpelt, oder heißt das habe? egal, aber ohne dolle Schmerzen. Körper und Seele vereint, yeah, geht doch. Allerdings bin ich in Flip-Flops durch die Gegend, mein rechter Fuß war abends so dick, unglaublich, wie nen Elefantenfuß. Zur Entschädigung gabs dann abends immer den einen oder anderen Wein. Ich bin so stolz auf mich, dass ich mich das getraut habe, ich hab immer erst die große Fresse, klar, mach ich, gar kein Problem. Nach einmal drüber schlafen: geht’s noch, denk mal vorher nach. Aber ich wollte das unbedingt sehen und in ein paar Jahren schaff ich das nicht mehr. Also mitnehmen was geht und wenn ich in Zukunft mal lassen würde was eigentlich nicht geht, da wäre ich mir echt dankbar.

 

 

Das coole an der Reise war auch, in meinem Kopf war nur Platz für die einzelnen Tage, keine blöden Gedanken, einfach mal Müll aus dem Kopf und nur Bilder des Tages rein. Und ich habe gelernt, keine Kreuzfahrt, never, ever. Die Color Line ist 20 Stunden von Oslo nach Kiel geschippert, ich spüre jede einzelne Welle, ich schwöre es. Ich hasse es, wenn meine Füße keinen festen Untergrund haben. Nix für mich. Der Kracher war aber eine 3 Stunden Fähre auf den Lofoten. Mit Seegang, na prima. Irgendwer sagte ich sollte was essen, damit meine Gesichtsfarbe sich wieder normalisiert. Es hat geschwankt, so dass die Langarmer sich überall festhielten und trotzdem bei Mitpassagieren auf dem Schoß landeten. Jetzt musste ich aber mit zum Essen holen, ich war die mit Kreditkarte am Mann ……  also erst angepeilt wohin und dann los. Ich kam mir vor, wie beim Dreh zu Dinner for one, ich war besser als der Butler von Miss Sofie, vor, rechts, zurück, links ….. alle, auf die ich zugeschossen kam gingen in Deckung. Arsch lecken, ich kam durch. Hat mir mehrere Daumen hoch mit breitem Lächeln eingebracht. Trotzdem neeeeee.

 

Wieder daheim dachte ich, so, nun ist Schluss mit Doping. Keine Diclo mehr, mein Magen und die Leber sind eh schon .

 

… na ja. Meine Fresse, es geht gerade fast nix mehr, mir tut Alles weh, echt Alles, ich kann mich nicht gerade machen, meine Hüfte sticht und der Fuß. Ich hab mir wahrhaftig bislang nicht klar gemacht, wie schlimm es wirklich ist. Irgendwann trifft dich die Erkenntnis, das bleibt so, das wird von allein nicht besser. Mich meistens nachts um 3 auf dem Klo. Nachts sind die Dämonen ja eh größer und lauter. Ich war echt seit langem mal wieder an dem Punkt, ne, ich hab keine Lust mehr. Ich will kleine Schmerzen mehr, ich will keine Kollateralschäden, ich will nicht immer beobachten müssen ob sich die bekannten Schmerzen nur verschlimmern oder ob da die eine oder andere Metastase hinter steckt. Nein, ich bin nicht glücklich, dass es schon so lange gut geht, es macht mir Angst. Gott sei Dank hatte meine Resilienz die nächste Fähre genommen und war pünktlich zur Krise daheim. Jetzt ist es aber gut …. es ist wie es ist, mach das Beste draus und hör um Himmels Willen mit dem Gejammer auf. Ja, is ja gut, aber ein bisschen rumgrummeln die Tage muss noch drin sein. Und ich muss mich unbedingt mit dem Thema Medikamente befassen. Ich habe alle gängigen Mittel ausprobiert. Es gibt ja auch genug Warnungen bei Langzeiteinnahme. Herzinfarkte, Schlaganfälle. Trotzdem, was ich Alles verschrieben kriege….. eigentlich dürfte das nicht sein. Außerdem gibt es da noch ein Problem, was natürlich auch keinen interessiert. Es sterben in den letzten Monaten irgendwie mehrere von uns Contis. Und es ist ein Streit entbrannt aufgrund der Gefäßschäden. Da soll jetzt nen Haufen Kohle rausgeschmissen werden, wir machen mal ne Studie …….. das Thalidomid Gefäße schädigt ist ja nun nicht neu. Beim Port legen war das für meinen doc wie Fischen im trüben Wasser, er schaute immer auf das Ultraschallgerät und sagte: hm, hier nicht, ach, hier geht’s weiter, ist ja interessant, ne, so geht das nicht…. hat echt gedauert einen Weg zu finden, das Teil da ordentlich einzubauen. Dabei kann ich dem noch die Füße küssen, dass er von selber auf die Idee kam zu schauen vorher. Ich werde mich mit dem Thema Cannabis beschäftigen. Auch wenn die Reaktion meines Arztes erst mal war: man muss sich ja nicht immer gleich auf Alles was neu ist stürzen. Doch, muss ich zur Not. Ich fühle mich wie auf ner Landmine, die jederzeit hoch gehen kann und wen ich darauf warte, dass sich einer um meine Gesundheit kümmert, na dann werde ich doch 200. Ich hasse diese Nebenkriegsschauplätze. Ich hab manchmal keine Lust auf diese ewigen Diskussionen.

 

 

Aber dann: Auftritt Resilienz. So, wir trinken jetzt nen Gläschen und überlegen uns wie wir was ändern können. Ich bin ganz schön froh, dass ich sie habe. Ich gebs zu. Wir stoßen heute Abend nochmal auf Moritz an, der am 6. mit 14 Jahren verstorben ist an diesen verdammten Krebs. Es ist so ungerecht und es mach mich demütigt, dass ich schon so lange Zeit seit Diagnose habe. Vor allem aber macht es mich wütend. Wut setzt Energie frei, dass wiederum ist Nahrung für meine Resilienz, irgendwie hängt Alles zusammen.

Ich hoffe, Ihr habt auch eine Resilienz, pflegt sie, sie ist echt wertvoll.

Andere Sichtweise

So, nach einer gefühlten Ewigkeit hab ich dann auch mal wieder Zeit und vor allem ….. einen komplett neuen Durchblick. Das ist soooooooooooooo geil. Obwohl, es hat mich Jahre meines Lebens gekostet und ich hatte noch nie vorher vor ner OP so ne Angst. Jedenfalls musste ich mich mal trauen, mein einzig sehendes Auge wieder richtig sehend zu machen. Mittlerweile lag ich ja bei minus 15 Dioptrien. Im Worten: minus fünfzehn. Sie sehen, dass Sie nichts sehen ……….und das mit nur einem Auge …..  war echt grenzwertig. Muss ich leider zugeben. Die letzten 3 Dioptrien hat mir die Chemo beschert, dazu dachte der graue Star, ups, die ist ja auch langsam Ende 50, da will ich auch hin. Mit Brille und auch mit Kontaktlinse kam ich nicht mehr klar. Also Plan neue Linse. Dadurch, dass mein linkes, seit Geburt und dank Contergan, Auge nicht nur nichts Ordentliches sieht sondern auch noch blöd rumschielt, war der Plan, wir lassen so eine Kurzsichtigkeit von so 1,5 bis 2 Dioptrien und ich krieg dann ne neue Gleitsichtbrille. Ohne Brille seh ich aus, als wenn ich aus irgendeiner geschlossenen Abteilung abgehauen bin.  Also OP. Da ich ja mittlerweile die absolute Krankenhauskrise habe, habe ich mich dann, renitent wie ich nun mal bin, ambulant operieren lassen. Es gab kurz Stress als ich gehen wollte, aber da ich ja hell und dunkel unterscheiden kann, hab ich mich an den blauen Anorak meiner Freundin blickmäßig geheftet und hinterher. Es sind uns auch alle schön aus dem Weg gegangen. Dringend lobend erwähnen muss ich eine der Schwestern. Es gab ne Kurznarkose um das Auge betäuben zu können, natürlich hatte mein Hausdoc mir früh morgens den Port angestochen,  im Krankenhaus hätte das nicht funktioniert, hä??? Okay, keinen Kommentar. Jedenfalls erzählte ich der Schwester von meinem Problem mit Anästhesisten, die immer die Krise beim Blutdruck an meinem Bein kriegen und Alarm schreien………… die war so cool, die rief den Arzt und sagte: hör hier mal zu, die Patientin kennt sich am besten, wir machen wie sie es sagt. Geil…… und so ging es, egal was gepiept hat wurde ausgestellt und Alle waren glücklich.

Jedenfalls sagte der Arzt, heute Abend könnte ich ev. schon sehen was ich sehe. Aber der Verband müsse draufbleiben bis zum nächsten Tag. Nach einem Umweg zum Hähnchen kaufen, nach Narkosen muss ich immer sooooofort essen, hab ich mich echt zuhause geruht, kein Kopf runter etc…. Ich versuch mal zu beschreiben, was man mit minus 15 sieht: eigentlich nur was, wenns genau auf dem Auge hängt. Ansonsten nur wie durch eine dicke Milchglasscheibe. Mit Brille war die Welt dann komprimiert, alles irgendwie klein, natürlich für mich normal, ich kenn ja erst jetzt den Unterschied. Also natürlich, neugierig wäre jeder…………….. ich lag im Bett, „hörte“ Fernsehen und hab gaaanz vorsichtig den Verband an der unteren Seite gelockert, Auge aus Angst zugelassen, also Angst nichts mehr sehen zu können, und dann bei 3 Auge auf. 1 ….  2 …. 3 ..fast ist mir das Herz stehengblieben. Es war so unglaublich, der Fernseher sprang mich an, das ganze Leben größer, dichter an mir dran, bunter, heller und vor allem klar. Man kann es nicht verstehen wenn man es nicht kennt. Ich bin dann ins Wohnzimmer, hab rausgeschaut und bin nen Schritt zurück, es war so groß und nah und klar vor allem.

Es hat echt ein paar Wochen gedauert, bis mein Hirn das intern umgebaut hat. Das hat meinen rechten Außenspiegel und den Pfeiler in der Tiefgarage ein paar Kratzer gekostet, auch egal, aber es hat echt gedauert. Beim ersten Mal Auto fahren, es gab nur Gehupe. Ich hab nie grün mitgekriegt, übrigens grün und rot sind ja echt fett grün und rot, ich hab immer geschaut was ich alles sehen und lesen kann. Wie Alice im Wunderland. Und wenn ich draußen rumgelaufen bin, ich hab Sachen genau gesehen, bin mit offenem Mund stehengeblieben, bis ich merke, die Leute guckten: oh die Arme…..keine Arme und im Kopf stimmts wohl auch nicht. Egal, einfach geil. Das Ganze ist jetzt 9 Wochen her und ich kann mir fast nicht mehr vorstellen, wie es vorher war. Schade, dass das meine Mutter nicht mehr erlebt hat, die hätte sich ein zweites Loch in den Hintern gefreut.

Bekanntlich liegt der Teufel manchmal im Detail. Irgendwie sind meine Arme ein bisschen zu kurz, dh. wär ich Langarmer, dann könnte ich problemlos das Handy in der Hand halten und lesen. Auf halbem Weg ist das nicht optimal. Aber……….. gut für den Rücken. Wenn ich es auf den Tisch lege und mich gerade hinsetze, dann ist es perfekt. Ich bin gespannt, ich war die Tage zum neue Brille ausmessen und kann es kaum abwarten was ich mit Gleitsicht wann wie wo oder auch nicht sehen kann.

Apropos Rücken……….ja, diese Baustelle nervt mehr und mehr. Oder ist es die Hüfte oder das Knie oder die Füße oder was weiß ich. Zwischenzeitlich hab ich mir 2 PRTs gegönnt. Das ist das mit im CT liegen und der doc versucht anhand der Bilder mit der Spritze exakt den Nerv zu treffen. Soweit die Theorie. In der Praxis klappt das bei mir nicht wirklich. Liegt nicht an dem tollen doc sondern an meiner rotationsskolioseverdrehten Wirbelsäule. Dh. die ist im Weg und er kommt nicht richtig dran. Allerdings ein bisschen wohl, die Nervenschmerzen sind kurzzeitig etwas weg. Sind sie da kann ich nicht ohne Schmerzen sitzen, liegen oder sogar schlafen. Das macht einen echt im Hirn weich. Dazu die Hüfte. Ich lahme wie ein totes Pferd. Jeder Schritt tut weh. Als 1. wurde mal Knochenszintigrafie gemacht. Mein Brustkrebs steht auf Knochenmetas, da ist man immer mal gut beraten nachzusehen. Mein Hirn sagte, wenn es so ist, dann ist es eben so. Als die doc bei der Besprechung sagte: hm, hier leuchtet es schon sehr, da müssen wir noch mal genauer schauen ….  sagte mein Darmtrakt: ich glaube ich kack mir in die Hose, der Puls sagte: okay, ich beschleunige… irre, Körper und Geist bei mir können sich irgendwie nicht leiden und machen was sie wollen. Jedenfalls bin ich in ner Radiologie, die Krebsis möglichst nicht warten lassen und so konnte ich gleich runter ins CT. Es ist erstaunlich, was einem so alles durch den Kopf geht. Irgendwie auch gar nichts. Es passiert dauernd so vielen von uns, warum mir nicht. Aber warum doch? Was mach ich ? Irgendwie aber ist der Kopf leer. Diesmal hatte ich Glück. Aber komischerweise stand ich so unter Spannung, richtige Freude kam erst mal nicht auf. Eine weitere MRT hat dann gezeigt, die Hüfte ist komplett fertig. Aber mit einem neuem Gelenk könnte ich viele Dinge nicht mehr alleine, also Schmerzmittel. Darüber muss ich noch ein ausführliches Gespräch mit meiner Leber führen. Die hat ihre besten Zeiten seit Chemo und Aromatasehemmer auch hinter sich. Und den einen und anderen Sekt, Aperol oder Lillet muss sie ja auch dauernd abarbeiten. Die arme ……….. aber ich esse und trinke was ich mag, das ist meine Lebensqualität und wird es dadurch eben ein paar Wochen kürzer….. so what.

Alles in Allem also der normale Wahnsinn der letzten Wochen. Manchmal könnte ich den Krebs vergessen aber es wird einem immer wieder bewusst, dass man bislang Glück hatte ….. wenn, ja wenn wieder plötzlich Menschen sterben die du kennst oder mit denen du Kontakt über die sozialen Netzwerke hast. Dann ist der Verdrängungsmodus wieder auf standby und es zieht im Magen. War leider dieses Jahr schon öfter.

Das Leben ist wie es ist ………… obwohl ehrlich ..  es ist seit der Augen-OP nicht unbedingt schöner geworden….. ich seh dauernd Dreck …. und Falten und ………… manchmal denke ich: Alter, hast du schon immer so ausgesehen ……… natürlich auch wenn ich in den Spiegel schaue…………. es ist eben wie es ist.

Frohe Ostern!

Ich bin …. und ich werde …..

So, nun habe ich hinreichend begossen, dass ich immerhin schon mal 5 Jahre überlebt habe. Dass das Brustkrebs nicht wirklich interessiert, ist ja bekannt, ich finde aber, das hab ich schon mal gut hingekriegt. Wenn ich mal so diese Jahre Revue passieren lasse, ist schon echt krass was Alles passiert ist. Damals war meine Welt noch in Ordnung, das Fahrgestell hat noch ganz gut funktioniert, Mutti war für lecker Essen zuständig und ich der Meinung, ja, das könnte jetzt mal noch 30 Jahre so weitergehen. Und schon brach das Karma in brüllendes Gelächter aus und schlug sich auf die Schenkel. Karma ist bestimmt nen Langarmer. Ich hab immer noch das Gefühl präsent bei der Diagnose. Mein Hirn sagte, scheiße …. Krebs, mein Körper fing an, sich von der Mitte ausgehend  zu verflüssigen. Völlig unabhängig voneinander……… irre.  Nichtsdestotrotz war das Jahr 2014 cool, ich war so auf Adrenalin und Cortison, kein Pickel und eigentlich tat der Rücken kaum weh. Und die Chemo ……..  ich hab sie gut vertragen bis auf immer mal zwischendurch, aber es war ja nun auch ein bisschen Gift. Bis Mitte 2015 gabs noch Herceptin und dann Zometa. In der Zeit hab ich das wahrscheinlich auch anders gesehen, aber ich weiß mittlerweile, wie es Anderen ergangen ist, also einfach mal dankbar sein. Ich glaube, man realisiert erst so nach und nach was passiert ist und wenn das Gift langsam wieder aus dem Körper raus ist, dann wird’s lustig. Dann kommt die körpereigene Feuerwehr und macht Bestandsaufnahme und plötzlich merkt man, ups, das war vorher aber anders. Das dauert auch ne Zeit bis einem auffällt, ey, die Beschwerden gehen gar nicht weg. Und wieso schläfst du an der Ampel ein, und warum läufst du wie ein Zombie morgens? Nix mehr mit, ich muss mal aufs Klo, ach neeeee, noch 5 Minuten, die brauch ich dahin und mittlerweile bin ich Weltmeister im Beine zusammenpressen: du schaffst es, du schaffst es ……   Jetzt ist eine gewisse Steifheit und Unbeweglichkeit für uns Contis exakt das, was wir am Wenigsten noch brauchen. Fairerweise muss ich die Schuld natürlich ordentlich auf 2 Schultern verteilen, einmal Doofkrebs und natürlich auch an die Conterganfolgeschäden. Man erinnere, ich war immer diejenige, der so was nie passiert, Krebs ? never …..  Folgeschäden durch Haare mit Füßen waschen? Nie, ich doch nicht, mein Körper funktioniert doch reibungslos bis ich Mitte 90 bin. Ehrlich, ich war so überzeugt von mir und meinem Unkaputtbarsein, der Krebs hätte an der Tür klingeln können um sich vorzustellen und mitzuteilen, dass er eingezogen ist, ich hatte es nicht geglaubt. Im Nachhinein ist auch mir klar, dass ich hätte merken müssen, dass irgendwas schief läuft. Klar, aber doch nicht bei mir.  Und meine Knochen, mein Gott, haben 50 Jahre überstanden, da gehen die restlichen 40 auch noch.

Na ja, nachdem ich dann irgendwann mal die Feinheiten meiner Diagnose verstanden hatte und irgendwie das Wort „Hochrisikopatient“ hängengeblieben ist, da musste natürlich mal ein Plan her. Meine Mutter, die mich immer bewachte und sagte: wir haben Brustkrebs, war auch schon 88, aber echt noch, ihr Lieblingsspruch, oben klar und unten dicht und ein Ende war nicht abzusehen und ich statistisch ………. na jaaaaa….. , jedenfalls der Plan war, ich heirate dann mal endlich, damit das Alles bürokratisch einfacher ist und auch jemand genau aufpasst, dass Muttern sich nicht in irgendeinem Pflegeheim wiederfindet. Es war echt ein guter Plan, wie die meisten Pläne funktionierte er nicht. Meine Mutter starb morgen vor 3 Jahren an, wie heißt es so schön, kurzer schwerer Krankheit. Und ich humpel mit meinem Hochrisiko immer noch rum. Ich vermisse sie, wir waren ein cooles Team, aber ich bin so stolz darauf, dass meine Freunde und ich es ihr ermöglichen konnten, sich hier auf den Weg zu machen oder, wie sie immer sagte: schon mal voraus zu gehen. Ich kann lächeln wenn ich an den letzten Abend denke, Glas Sekt in der Hand, Udo Jürgens DVD, Füße auf ihrem Bett. Alles ist gut und ich bin dankbar, dass ich sie begleiten durfte.

Die meisten Fragen in der Zeit danach waren so was wie: wie kommst du zurecht ohne deine Mutter, wer hilft dir jetzt? Mein Mann fällt aus, der ist die Woche über nicht da. Das ist auch wieder son Ding. Egal wie oft ich betone, dass ich eigentlich noch Alles allein kann, es ist logisch, meine Mutter war bei mir um mir den Hintern abzuwischen. Dass wir einfach zusammen wohnen wollten, nö, als Behinderter brauchst du immer Hilfe. Der Kracher schlechthin dieses Jahr. Ich hab mich wo vorgestellt und mir wurde tatsächlich freudestrahlend gesagt: Sie können ja eine Tür hinter sich zumachen und ein Glas Wasser hochheben !!!  Alter, solange es Menschen gibt, die derartig auf Behinderungen reagieren, da gibt es für uns noch viel zu tun. Ich würde mich freuen, sollte Wolfgang Schäuble mal die Einrichtung besuchen, dass sie ihn beglückwünschen, dass er ne Gabel halten kann.

Natürlich hat mir meine Mutter Dinge abgenommen wie ich ihr auch. Kochen macht als Conti nur bedingt Spaß, willst du an nen hinteren Topf hängt die Brust in den vorderen drin, Ist bissi warm. Dh. ohne meine Mutter im Haushalt musste ich mir schon was Neues einfallen lassen. Und die Bewegungen werden auch nicht gerade flüssiger. Man kann sagen es läuft bei mir, zwar rückwärts und bergab, aber läuft, cooler Spruch, hängt bei mir im Büro an der Wand. Jedenfalls haben eine Brust-OP, eine Knie-OP und diverse andere Läsionen die Beweglichkeit nicht unbedingt verbessert. Aber dank mehrerer CTs und MRTs weiß ich jetzt, dass ich ohne Galle geboren bin, nicht, dass ich sie vermisse, wäre ohne Doofkrebs wahrscheinlich nie aufgefallen. Jetzt brauch ich wahrscheinlich noch ne neue Hüfte ……….. nur gut, dass ich kein Pferd bin, der Abdecker würde sich schon die Handschuhe anziehen. Es is eben wie es is, nehmen wir es mal als Chance, für was auch immer. Woran ich dringend arbeiten muss ist, nicht immer gleich ne mittlere Panikattacke zu kriege wenn plötzlich was weh tut, was gestern noch friedlich war. Du kannst den Gedanken nicht entkommen, bzw. ich kann es nicht. Und ich würde es nicht mehr schaffen, Vollzeit zu arbeiten. erst mal von der Müdigkeit her und dann liege ich pausenlos in irgendwelchen Praxen rum. Lymphdrainage weil sonst die Brust wegen der fehlenden Lymphknoten gefühlt platzt, Krankengymnastik, Feldenkrais, Osteopath. Alles nur um ja meine noch übrig gebliebene Eigenständigkeit zu erhalten.

Es gibt wirklich Menschen, die einfach verwundert sind, dass ich mich verändert habe.  Was muss sonst noch passieren. Ich kann mein Leben von vorher nicht einfach wieder so aufnehmen als hätte es die letzten 5 Jahre nicht gegeben. Das kann niemand. Aber das Umfeld hat da anscheinend Probleme mit. Ich habe keinen Nerv mehr auf Menschen, die mir nicht guttun oder beleidigt sind, weil ich nicht mehr so funktioniere. Es gibt aber auch viele neue Menschen in meinem Leben. Ich bin mehr ich, wem das zu viel ist, tut mir leid.  Ne, tut es eigentlich nicht. Wenn es nicht mehr passt, das ist schade, muss aber wohl so sein.

Der Weltkrebstag dieses Jahr steht unter dem Motto:

Ich bin  ……  und ich werde ..

Ich bin stolz auf  mich und ich werde mein Leben weiter lieben, nur nicht mehr alle Menschen. Das nehm ich mir jetzt einfach mal raus. Ich freu mich auf die hoffentlich nächsten 5 Jahre, dass es eine geile Zeit wird. Und dass ich in 5 Jahren auch noch Einiges  allein kann. Wir werden sehen. Fuck cancer und fuck Thalidomid. Das Leben ist kein Märchen, wenn ich nachts um 12 auf der Treppe einen Schuh verliere  bin ich einfach nur betrunken. Das heißt aber nicht, dass ich mich nicht wie eine Prinzessin fühlen darf.

 

Neues T-Shirt ….?

 

Also im Moment bin ich umgeben von Leuten, die es gut mit mir meinen. Das ist ja echt nett. Aber leider ist nett manchmal die kleine Schwester von Scheiße. Ich hab jetzt schon 2 Teile geschenkt bekommen, auf denen irgendwas von survivor steht, statt fighter. Und es ist so toll, ich hab nächsten Monat 5 Jahre Krebsdiagnose überlebt und bin jetzt ein survivor und muss mir unnnnnnnnbedingt nen neues Shirt dafür kaufen. Ja, ganz toll…… natürlich finde ich das klasse, dass ich noch lebe – und auch nicht so schlecht lebe, aber Leute, hört endlich mit dem 5 Jahre Gelaber auf, mag ev. bei der ein oder anderen Krebsart ganz zu Beginn stimmen, aber letztendlich gilt dieses Datum nur dafür, um den Betroffenen nach 5 Jahren und 10 Minuten den Schwerbehindertenausweis wieder abzunehmen. Ha, nicht mit mir, ich hab einen eigenen über 100 % ohne fuck cancer, ätsch.

Also tun wir so als ob ich am 18.12.18 gegen Mittag geheilt bin. Das heißt in der Theorie, alles ist gut, die Chemo ist aus dem Körper raus und ich bin wieder voll einsatzfähig, belastbar und glücklich, falls ich es vorher war……. In viel Fällen klappt das schon mal deshalb nicht, weil du als Krebsi geldmäßig hinten runter fällst, Alleinstehende sowieso, wenns richtig dumm läuft verlierst du deine Existenz incl. Wohnung usw. . Na klar, du hast survived, aber um welchen Preis? Ja klar, Leben, Aber sooooo einfach ist es nun auch nicht.

Nehmen wir mal das Gute aus den letzten 5 Jahren, nur bezogen auf Doofkrebs natürlich: Ich weiß was ich alles kann, ich achte mehr auf mich, ich habe nen Haufen tolle Menschen kennengelernt, ich bin empathischer – wehe einer grinst – , ich halt mich nicht mehr soviel mit unnötigem Mist auf, ich unternehme mehr, arbeite weniger und es ist mir relativ egal wie viel Leute mich kacke finden. Alles in Allem schon mal cool.

Nun zu dem Mist: ich könnte 5 x am Tag im Stehen einschlafen, meine Füße brennen, meine Knochen tun weh, die Zehen sind taub, zumindest rechts, ich kann nicht mehr lange laufen, okay, war jetzt eh nicht meins, entweder krieg ich Durchfall oder Verstopfung, meine Feinmotorik und das Balancehalten ist manchmal abenteuerlich, Luft krieg ich auch schlechter, Polyneuropathie, nen Haufen Kohle für die Zähne ist auch weg und natürlich das Chemobrain, Alter, was ich mir alles aufschreiben muss, nur um nicht mehr zu wissen, wo ich den Zettel hingelegt habe………… das sind mal so einige Dinge. Dass ich zu den wenigen gehören, wo die Haare keine Lust mehr auf Tageslicht haben ist ja nun mal nicht so mein Problem, eher, welche der gerade 11 vorhandenen Perücken passt zur Klamotte. Surviven ist eben nicht mal gerade nebenbei abzuarbeiten, man muss echt kerngesund sein. Aber ich kann flüssig und locker Diagnosen und Medikamente unters Volk streuen von denen ich vor 5 Jahren nicht wusste, das es sie gibt. Kommt echt professionell.

Und eben das kann zum Problem werden. Es fühlt sich an, als ….. Quatsch, ich fühle mich wie auf einem Berggipfel, die Aussicht ist je nach Gemütslage sonnig oder trüb. Das Zauberwort heißt Balance halten. Ich kann zu beiden Seiten jederzeit runterfallen. Es ist manchmal einfach das Gleichgewicht zu halten und manchmal geht es kaum. Ich liege immer auf der Lauer und beobachte meine Befindlichkeiten, hm, da tat es gestern noch nicht weh, warum ist mir jetzt schwindelig, warum fallen mir auf dem Klo die Augen zu…. und dann les ich ein bisschen in meinen Gruppen, es passiert, dass jemand stirbt, Andere kriegen Rezidive und Metastasen und erzählen, wie das festgestellt wurde.  Und prompt sind das Alles genau meine Symptome, aber haaaaaaargenau. Lese ich das Wort Hirnmetastase krieg ich Kopfschmerzen, es ist echt unglaublich, was so ein fuck cancer mit einem macht. Und wenn ich dann nachts in soner Phase wach bin erfinde ich schon meine Trauerrede, ey, ich weiß ja wohl am besten wie mein Leben war. Spätestens dann frag ich mich ob ich sie noch alle habe, mal die Bälle flachhalten und nicht so rumjammern. Gott sei Dank fehlt mir noch nicht die Motivation mich da an den nicht vorhandenen Haaren rauszuziehen. Aber manchmal bedauer ich mich sowas von, muss auch mal sein………….  Es geht aber auch andersrum, hier tuts weh, da auch, die Leberwerte und andere sind kacke, mir ist schlecht, vertrag dieses und jenes plötzlich nicht, ja und? Hallo! Ich hatte Krebs und bin Ende 50, normale Materialermüdung, Nicht beachten, noch ein kleine Opiat drauf und schon geht’s weiter. Völlig easy.

Und das ist es weshalb ich echt angepisst auf fuck cancer bin, mir fehlt so sehr das Gefühl des grenzenloses Vertrauens in mich wie früher. Ich hab nie nachgedacht, kann ich das oder lieber nicht? Was kann mir schon passieren. Es trifft doch immer nur die Anderen. Die Balance zu halten, hm, wie viel Schmerzmittel nehm ich, so dass ich noch unterscheiden kann, Schmerzen wie immer? oder anders? Diese richtige Grundentspannung fehlt mir, ich liege ständig auf der Lauer. Surviven ist echt nichts für Feiglinge und so viele machen das echt toll. Ich krieg öfter mal zu hören, es ist jetzt mal gut, du siehst gut aus und du kannst doch alles ………… deshalb hab ich echt viele Bekannte mittlerweile mit fuck cancer, es ist einfach entspannender mit Menschen zu reden, denen ich meine Befindlichkeiten nicht erklären muss. Genau wie bei meinem Orthopäden, der kennt Contis sein Leben lang und dem muss ich nicht erklären, dass das scheiße ist, dass ich das Bein gerade nicht dahin kriege wo ich es brauche.

Ab morgen geht’s los, ich weiß noch gar nicht ob ich unfallfrei 5 Jahre surviven werde. Morgen ist MRT und Mammografie, im restlichen Monat kommen noch Knochenszintigrafie, Innenraumsono und MRT, Studiennachsorge, Kardiologe dazu. Ich könnte also schon morgen mal ein paar Daumen brauchen. Ich will noch ein bisschen surviven. Und am 18.12. lassen wir es dann krachen, falls alles soweit auf grün ist, aber erst ab mittags wenn ich geheilt bin. Yeah…