Eine Geschichte über Leben und Tod…

…. oder besser, der momentane Inhalt meines Kopfes.

Wir werden alle sterben, das ist die Theorie und jeder weiß das. Man verdrängt es gerne und das ist auch eine gewisse Zeit gut so, denn man soll sein Leben genießen, glücklich sein, Spaß haben, wie heißt es so schön: lebe, liebe, lache. Das erste Mal, dass mir bewusst wurde, dass man tatsächlich stirbt ist lange her, damals war ich 12 oder 13 und im Internat und eines Tages war jemand morgens tot, den ich tags vorher noch gesehen habe. Hm …. das für mich einschneidende Erlebnis war allerdings Anfang der 90er als ein Freund von mir an AIDS verstorben ist, fast keiner ging ihn besuchen und das Krankenhaus hat sich so was von menschenverachtend gezeigt…….unglaublich…… jedenfalls dachte ich damals, niemand sollte alleine sterben und am besten auch Zuhause. So bin ich dann auch mal 2008 beim Hospiz gelandet. Ja, ich weiß, das ist nicht immer möglich……….. aber man sollte schauen, ob es nicht doch geht. Jeder wünscht sich wenn es mal soweit ist, nicht im Heim oder Krankenhaus sein zu müssen. Ich auch, das ist für mich auch die ultimative Horrorvorstellung. Und für mich ist es immer noch das Wichtigste im Leben was ich hingekriegt habe, dass meine Mutter Zuhause sein konnte.

Wenn ich was über das Sterben erzähle, dann hör ich immer, also das könnte ich nicht, das halte ich nicht aus usw.. Was genau hält man nicht aus oder kann nicht? Am Mittwoch und Donnerstag durfte ich mit jemandem, der wirklich einen ordentlich großen  Platz in meinem Herzen besetzt hat, ein Stück des Weges mitgehen. Und ja, es war natürlich furchtbar weil man es kommen sieht aber dennoch auch schön, da sein zu können und sich bewusst zu verabschieden. Gerade in der Familie ist es ein Mensch, den man lange kannte, liebte. Ja, es ist unschön zu sehen wie ein Mensch immer weniger wird, man kann und will es nicht glauben, nicht loslassen, weil es einfach weh tut. Wenn jemand stirbt, dann sieht er anders aus, riecht vielleicht anders, man ist hilflos weil man nichts machen kann ……  nein, man kann viel machen, da sein, es bequem machen, Hand halten, erzählen, Musik hören……. was auch immer.

Und man wird sich seiner eigenen Sterblichkeit auch nochmal brutal bewusst. Es zählt immer nur, ich muss schlank sein, gutaussehend, das Haar muss sitzen, die Fingernägel lackiert, ein Schmollmund für das Selfie auf instagram. Ich muss gefallen, was sollen die Leute denken…. . Und plötzlich ist das alles nicht mehr wichtig, das ist schon nicht so einfach. Man hat Angst vor Dingen, die man nicht kennt. Weil Sterben, darüber redet man nicht. Ich finde das so unverständlich, denn es trifft definitiv jeden von uns. Es ist ein natürlicher Prozeß, genau so wie das Leben beginnt. Darüber wird dauernd geredet, Bilder gemacht, erwartungsvoll begleitet. Warum nicht wenn jemand stirbt? Seit ich mich ein bisschen informiert habe, wie so ein Prozeß vor sich geht, habe ich keine Angst mehr davor und bin dankbar, dass ich die Gelegenheit habe, den Weg zu begleiten. Und insgeheim wünsche ich mir natürlich auch, dass auch mal jemand bei mir ist.

Natürlich fragt man sich wie das gehen soll, was ist mit Medikamenten, was ist wenn ich nicht weiter weiß, was ist, wenn ich dem körperlich oder psychisch nicht gewachsen bin? Dafür gibt es wirklich ein Netzwerk von Pflegedienst, Hospizdienst und vor allem Palliativdienst. Am Weltkrebstag bei einer Veranstaltung der Krebsberatungsstelle der DRK Kliniken Nordhessen, da haben die Psychologin und eine Palliativärztin eine Geschichte von Erika und Horst erzählt, die ich so perfekt umgesetzt finde, dass ich sie gerne weitergeben möchte, besser kann man es nicht erklären. Ich versuch mal die Kurzfassung in meinen Worten:

Stellt Dir vor, Du feierst gerade mit all den Menschen, die zu Dir gehören und plötzlich drehst Du Dich um und da steht Erika (Krebs). Erika ist nicht eingeladen und versucht die Party (Leben) zu sprengen. Du hast keine Chance sie rauszuwerfen, was machst Du? Du versuchst sie zu ignorieren, drehst Dich weg. Irgendwie ist der Spass weg, Du weißt, sie ist da und es macht Dich unruhig, wer weiß, was sie als nächstes macht? Und Du spürst ihre Blicke im Genick, alle sind angespannt, sogar Angst macht sich breit. Die Situation ist für alle belastend, denn jeder merkt, dass was nicht stimmt.  Und dann kommt Horst (Palliativdienst) dazu. Er erfasst die Situation und kümmert sich um Erika. Geht mit ihr in die Ecke, gibt ihr ein Glas Sekt und er gibt ihr zu verstehen, sie kann da bleiben, soll sich aber ruhig verhalten, er bringt ihr zwischendurch was zu essen und zu trinken. Dank Horst entspannt sich die Lage, der Fokus liegt erst mal wieder mehr auf der Party. Natürlich wird Erika die Party irgendwann sprengen, das kann auch Horst nicht verhindern. Aber die Zeit bis dahin ist entspannter, friedlicher……. angenehmer, wertvoll.   Genau so ist es. Ein Palli-Arzt ist nicht Dr.Tod. Er kümmerst sich nur um die Symptome der Erkrankung und kennt sich wesentlich besser aus mit Medikamenten, was zusammen geht, was nicht ……….. kann ein Hausarzt nicht leisten. Es gibt Pallipatienten, die über Jahre begleitet werden, immer neu eingestellt, niemand muss unter Schmerzen leiden.

Was ich mir wünschen würde…. traut Euch, informiert Euch, habt keine Angst. Scheiß drauf, dass das Pflegebett das halbe Wohnzimmer einnimmt. Dann liegen eben Krümel ein paar Tage auf dem Teppich, dann stapelt sich eben die Wäsche im Bad, dann wird der Urlaub eben mal gecancelt, die Jogginghose bleibt mal 3 Tage an…… Diese Zeit kann Euch keiner nehmen. Ich denke mittlerweile immer mit einem Lächeln an die Zeit mit meiner Mutter zurück. Es gibt mir ein gutes Gefühl. Überlegt einfach was geht und was nicht geht. Wenn man sich absolut nicht in der Lage fühlt, kein schlechtes Gewissen. Aber es ist so, die meiste Angst hat man vor Dingen, die man nicht kennt und nicht einschätzen kann. Wenn ich helfen kann….. immer gerne.

Ich bin dankbar, dass ich da war …….. und Ihr 4 Mädels, Ihr ward so toll. Ich denke, im Laufe der Zeit werden wir zusammen lächeln wenn wir uns erinnern.

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