Alles Gute zum Geburtstag

Heute würde meine Mutter 91 und es ist der 1. Geburtstag ohne sie. Es ist einfach unglaublich, dass ein halbes Jahr vorbei ist, seitdem sie verstorben ist.

Heute vor einem Jahr waren wir mit Freunden schön essen und alles war gut, so gut, wie es mit 90 eben ist. Wir waren gerade in die neue Wohnung gezogen und alles lief wie immer. Im Oktober fing es dann an aus dem Ruder zu laufen. Das Ganze begann mit einer mörder Gürtelrose und wir dachten, ja, jetzt wissen wir warum sie immer sagte, ich glaube, ich brüte was aus. Ende Oktober hatte ich die Brustangleichungs-OP und war eine Woche zum Seminar in Hamburg, dann kam der Dezember und ich konnte sie nicht mehr wirklich allein lassen. Dank der Hilfe von Rainer und Heidrun haben wir das aber hingekriegt. Symptome waren eigentlich, dass sie sich zusehens kaum bewegen konnte und das Sprechen fiel ihr schwer. Unser Hausarzt war, sagen wir mal vorsichtig, absolut keine Hilfe. Wenn wir abends und nachts alleine waren, kam ich schon oft körperlich an meine Grenzen. Aber das war egal. Es war einfach Zeit, was für die letzten 55 Jahre zurückzugeben. Egal wie, geht nicht, gabs nichts. Ich musste allerdings ein paar Mal Rainer anrufen, bitte komm mal, du musst uns helfen. Kein Problem…

Gleich im neuen Jahr, nach Hausarztwechsel, überredete der uns, sie für 3 Tage ins Krankenhaus zu bringen und ne Diagnostik zu machen. Der rasche Verfall machte uns sprachlos und der doc sagte, das muss was anderes sein. Aber sie hatte absolut keine Schmerzen. Wir redeten viel mit den Augen und über Hände drücken. Jedenfalls sagte der doc den Herrschaften im Krankenhaus, nur Diagnose, keine Behandlung und nach 3 Tagen geht sie mit ihrer Tochter nach Hause. Die Tochter ist schwerbehindert und an Brustkrebs erkrankt, ich verbürge mich aber dafür, dass zuhause die Versorgung gesichert ist. Ich könnte jetzt 675 Kapitel schreiben über Krankenhäuser und wie sie mit alten Menschen umgehen und was man tun muss, um einen Aufenthalt zu überleben. Aber ich will mich nicht reinsteigern. Deshalb nur die Kurzfassung:

Ich habe absolut kein Problem mit Ausländern, im Gegenteil, ich kenne es von früher, von meiner Kindheit, alle sind gleich. Aber es kann nicht sein, dass ein Arzt bei der Aufnahme mehr chinesisch – war wirklich ein Asiate – spricht, nicht zuhört, sich nicht die Mühe macht, nahe an sie ran zu gehen. Ich sagte mehrfach, sie hört schwer, versteht aber alles, gucken sie ihr in die Augen, dann sehen sie es. Er tippte im Computer rum, ging raus, ich natürlich gleich gelesen, und prompt, alte, nicht orientierte Frau, schwerbehinderte Tochter, Symptome unklar. Da kriegte ich dann gleich den 1. Anfall. Sein Hauptproblem war, dass ich in den Computer geguckt hatte. Okay, ich fange an mich in Rage zu denken. Also lange Rede, kurzer Sinn, am 3. Tag rief ich Rainer an und sagte, komm sofort, wir nehmen Mutter mit. Diagnose war, Lungentumor mit Metas und Metas im Hirn, deshalb hat sie nicht reden können aber auch keine Schmerzen, manchmal ist eine Meta im Hirn gar nicht so blöd. In diesen 3 Tagen waren wir 12 Stunden vor Ort, jeweils 4 Stunden Rainer, 4 Heidrun, 4 ich. Ich drohte mehrfach mit Anzeigen und machte unmissverständlich klar, sollte irgendwas in sie reingestochen werden, Medis verabreicht, die ich vorher nicht gesehen habe oder irgendetwas mit meiner Mutter gemacht werden ohne mich, dass sie dann Spass kriegen. Nachdem mehrere Dinge an mir vorbei liefen, gab es ein Gespräch mit dem Arzt, der mich ankackte, ihm würde mein Ton nicht gefallen. Tja, sagte ich, den passe ich nur an die Behandlung meiner Mutter an. Komischerweise ging es dann mit uns ganz gut. Er war auch der Meinung, ab nach Hause, die Onkologin erzählte mir, ja, in der Lungenklinik hätte sie schon nachgefragt, da wäre ein Bett frei. Ich weiß nicht, was die gefrühstückt hatte……. ja, die Klinik kann den Tumor bestimmen und dann ein bißchen Chemo, wissen sie, das ist heute gar nicht mehr so schlimm. Dann hat sie vielleicht noch einige Wochen…..Ja, Treffer, versenkt, mein Einsatz, ich die Haare vom Kopf geruppt mitten auf dem Gang und gefragt, was genau wollen sie mir über Chemo erzählen? Kurze Schnappatmung, dann sagte sie, äh, wir können sofort mit Heimen Kontakt aufnehmen, sie können sie ja nicht pflegen mit ihrer Behinderung. Ich sagte daraufhin ganz leise, und wenn ich leise werde, wird’s gefährlich, ich rufe jetzt meinen Freund und wir nehmen sie mit heim und sollte sich mir jemand in den Weg stellen, dann rufe ich die Polizei.  Und tschüss….

Allerdings hatte ich super Unterstützung von der Dame vom sozialen Dienst. Die machte immer Daumen hoch und organisierte in gefühlten 4 Stunden ein Pflegebett, machte alles für die Krankenkasse fertig und sagte immer, lassen sie sich nicht beirren. Klasse, danke. Unser neuen Hausarzt hatte umgehend das Palliativ-Care-Team an Land gezogen und das lief alles ganz toll.  Wohnzimmer umräumen, Bett rein, alle drum rum, alles gut. Das Ganze ging 8 Tage, wobei sie die letzten 3 nicht wirklich mehr reagierte. Und ich war nie allein. Entweder Heidrun oder Rainer oder meine von Conchita geerbte Katastrophenfreundin Diana. Sie schlief auch hier, konnte Mutter umbetten wenn wir das Bett neu beziehen wollten, kam immer rüber zum helfen. Das war wirklich der Hammer. Oh Gott, wir treffen auch immer in der größten Scheiße zusammen……..Nicht zu vergessen, die 2 Damen vom Pflegedienst, die gefühlt immer Zeit hatten. Die waren so toll. Jetzt gibt es bestimmt den ein oder anderen der sagt, wie furchtbar, das könnte ich nicht. Es ist das Beste und Wichtigste, was ich im Leben bislang getan habe und ich möchte keine Sekunde missen. Mit Hilfe toller Freunde, die immer da waren und Kolleginnen, Edda und Daniela, die mir wieder den Rücken freigehalten haben, konnte ich es ermöglichen, dass sie hier bleiben konnte. Ich hatte Zeit mich zu verabschieden und zu bedanken, ihr zu sagen, dass ich sie liebe und es blieb nichts ungesagt. Und ich konnte ihre Hand halten als sie beschloss, dass es nun reicht. Es macht mich stärker und es gib mir ein gutes Gefühl, dass mir nichts und niemand wieder wegnehmen kann. Ich danke den Metas, dass sie ihr Schmerzen und Leidenszeit erspart haben und ich denke, das ging alles so schnell, ich glaube, sie hat gar nicht realisiert was passiert. Ich, bzw. wir irgendwie auch nicht. Aber alles ist gut wie es ist und ich bin froh, dass wir die letzten 6 Jahre zusammengelebt haben.

Was mir am meisten fehlt? Unsere Streitkultur glaube ich, wir konnten alles bis ins Kleinste ausdiskutieren. Leute, die uns nicht kannten dachten bestimmt öfter, oh Gott, wie gehen die miteinander um. Es war toll und es ist nicht einfach, so jemanden wieder zu finden. Ich finde kochen, putzen, Haushalt immer noch Kacke. Es fehlen mir Sprüche wie: wer hat dich eigentlich zur Schlampe erzogen? und so viele Kleinigkeiten. Aber so ist das Leben und ich kann mich jetzt komplett auf mich und meinen Überlebensmodus fokussieren. Habe deal mit Doofkrebs, lass mich 10 – 15 Jahre in Ruhe, dann können wir neu verhandeln. Bislang hat er noch nicht widersprochen…….

Für die Trauerfeier suchte ich u.a. ein Lied von Unheilig aus: An deiner Seite. Es gibt keinen Text, der es mehr tritt. Das waren wir……    Meine Mutter war Unheilig-Fan. Meine Mutter war eine coole 90-jährige.

Ich werde heute Abend ganz in Ruhe auf dich anstoßen und es machen wie in unserem Lied:……….ich denk zurück an eine wunderschöne Zeit…………

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8 Gedanken zu “Alles Gute zum Geburtstag

  1. ……..und sie war jeden Herzschlag wert!
    Ihr habt euch gegenseitig unterstützt. So sollte es sein!
    Meine Mutter wäre dieses Jahr auch 91 Jahre geworden.

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  2. Von mir auch alles Gute!
    Tolle Tochter, die sich sehr stark für Ihre Mutter gemacht hat. An die Aufregungen, „Kampfbereitschaft“ und Klinik/Ärzte kann ich mich noch sehr gut erinnern. Du hast das Beste in der Situation möglich gemacht!
    Dann bitte heute mit etwas “ Puffbrause“ oder einem schönen Rotwein auf Deine Mutter anstossen!

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  3. Ob Geburtstag oder ein anderer Tag – egal.
    Ich habe sie in meinem Herzen gespeichert und schon zigzig-mal
    aufgerufen. Und so bleibt sie mir erhalten.

    Chrissi 22.07.16

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