Notaufnahmen ……

Ja, da kenne ich einige. Ende 2014 dachte ich so bei mir, dass das ja mit Doofkrebs gar nicht so schlimm ist. Bislang hatte ich eigentlich keine größeren Probleme. Okay, Chemotherapie und Verstrahlung waren unangenehm und manchmal anstrengend, aber der Plan war ja behandeln, fertig und gut. Also alles in allem abarbeiten, fetten Haken dran und gut. Ja, das dachte so meine kindliche, manchmal ein bisschen einfach strukturierte Hirnmasse. Aus diesem Traum erweckte mich der Dezember. Genauer gesagt eine Nacht in Warnemünde. Ich bin aufgewacht mit Nasenbluten und hab dann gewartet, dass es mal wieder aufhörte. Nein, tat es nicht. Im Gegenteil, es kamen richtige Lachen raus, mittlerweile hing ich mit dem Kopf übern Klo, Handy auf dem Rand und geguckt, was doc Google da für eine Idee hätte. Überall stand, nach spätestens 20 Minuten zum Arzt, ganz furchtbar wichtig. Nachdem weit über eine Stunde rum war dachte ich, okay, dann fahre ich wohl mal. Ich war mit C. in Warnemünde, schlich dann ins Nebenzimmer, dank der Verbindungstür, und weckte sie, wir müssen mal ins Krankenhaus. Ja, wäre okay, sie stand auf, zog sich was an, kam rüber und fragte warum. Es war so gegen 2 Uhr morgens und die Rezeption wollte einen Arzt rufen. Da ich ja mittlerweile so meine Erfahrungen hatte und wusste, dass kein Krankenwagen entsprechend ausgerüstet ist, sind wir dann mit dem Taxi in die Rostocker Uniklinik gefahren, sehr nett da, echt zu empfehlen. Die Fahrt vergesse ich auch nicht, der Typ hatte irgendwas genommen und erzählte dauernd von einer Lobotomie. Das ist, wenn man bewusst im Hirn Nervenfasern durchtrennt. War früher wohl der Renner, nur meistens blieben die Patienten hinterher Pflegefälle. Jedenfalls war die Fahrt äußerst merkwürdig. In der HNO-Abteilung hatte ich einen jungen doc, der was von Chemo und Herceptin gehört hatte und mir dann gefühlt bis ins Hirn, also Lobotomiemäßig, die Blutungen verödete. Ansage: nicht schnäuzen, wie die Japaner hochziehen, ruhen und bloß nicht irgendwie Druck drauf. Er könnte aber nicht versprechen, dass das auf Dauer hält. Hielt natürlich genau bis zum nächsten Nachmittag. Ich saß in Kühlungsborn auf der Bank, Kopf runter wegen Handtasche, schon schoss das Blut wieder. Also Ärzteführer Ostsee geguckt, nächste Praxis gestürmt, das Gute ist, man kommt immer zügig dran. Wieder verödet und weiter. Seit dem blutete die Nase immer, bei jedem Putzen oder einfach auch so wie sie gerade Lust hatte. Das macht echt keinen Spass. Okay, dachte ich, das wird bestimmt besser. Nein, angeschissen, das war nur die Ouvertüre.

Irgendwann muss man ja mal Entscheidungen treffen,  was man will oder nicht. Die Nummer, was ? ich hab Krebs, nee, ach das geht schon wieder weg und ich stell mich jetzt mal taub auf dem Ohr, funktioniert nur bedingt. Die bevorzugte Zeit, sich mit so was zu befassen ist nachts um 3, da kann man sich prima schnellstens hysterisch denken. Ich war oft wach. Ich fahre gerne Auto, also in ich des Öfteren nachts auf der Autobahn unterwegs gewesen um den Kopf frei zu kriegen. War cool. Einmal stand ich alleine auf nem Parkplatz auf der A7, alles gut, bis mir einfiel: was machst du hier? Du überlebst die Chemo, damit hier gleich einer aus dem Gebüsch springt und dich umbringt? Da war ich aber ganz schnell wieder weg. Oder mit einer Mitpatientin war ich öfter nachts im McDonalds. Ach du Alarm, was da alles rumläuft…… Na ja, jedenfalls nagte der Gedanke an mir, du hast den aggressivsten Doofkrebs und die Situation kann täglich kippen, was passiert dann mit deiner Mutter. Okay, sie war zu der Zeit völlig fit, aber 1986 ist mein Bruder verstorben und wenn ich diese Nummer jetzt auch hinlege, das übersteht sie nicht. Der Plan war von Anfang an, du musst sie überleben, wenn auch nur für 10 Minuten, das habe ich ja mittlerweile leider oder Gott sei Dank geschafft. Fällt mir gerade eine Geschichte aus dem Leben eines Behinderten ein: Eine Nachbarin kondolierte meiner Mutter zum Tod meines Bruders mit den Worten: neeeeiiiin wie furchtbar, musste es unbedingt das gesunde Kind sein….. Mutter sagte, es hätte sie Jahre ihres Lebens gekostet nicht zuzuschlagen.  Jedenfalls wollte ich alle Dinge geregelt  und irgendwie mal eine Konstante im Leben haben. Ich stellte mir die Frage, was wäre die Sache oder der Mensch, die/der dich wirklich glücklich, zufrieden und entspannter machen und das Leben erleichtern würde? Es ist ein Mensch und keine Sache und wir haben am 18. Dezember geheiratet. Ich vertraue ihm seit 35 Jahren, er schafft es immer wieder, verstehe auch nicht wie, mich auf den Teppich zurück zu holen wenn ich irgendwie durchdrehe. Einer seiner Lieblingssprüche ist, was regst du dich auf, es kommt doch eh immer schlimmer als du denkst. Natürlich könnte ich ohne ihn leben, aber es würde sich nicht lohnen……… danke. ……………. Ach, den Tag hat meine Nase echt mal Ruhe gegeben. Das Jahr endete mit dem Gedanken, okay, letztes Jahr um die Zeit dachtest du, gibt’s noch Silvester 14, ja, das Jahr hatte ich schon mal überstanden, jetzt Luft holen und auf in 2015.

Das 1. was ich im Januar gemacht habe war, mir eine als Erinnerung an Conchy, eine rosa Brustkrebsschleife und den Satz: So wie du warst…. ins Genick tätowieren zu lassen. Den Platz habe ich bewusst gewählt, denn ich will das Zeichen nicht irgendwo haben, wo ich es täglich sehe, sondern es hängt mir sozusagen drohend immer im Genick. Die Begeisterung des Tätowierers hielt sich in Grenzen, denn es blutete ziemlich stark, tja, dachte sich die Nase, da mach ich doch gleich mal wieder mit. Es wurde Zeit, mir einen HNO Arzt zu suchen. Ich weiß nicht, wie oft ich da war. Immer blutete die Nase, langsam bekam ich aber ein Gefühl dafür ob ich es in den Griff kriege oder nicht. Die 20 Minuten Grenze hatte ich auf 1 Stunde gesetzt und manchmal klappte es. Mal schön in die heiße Badewanne legen, nix da, das erweitert die Gefäße und schon schießt es wieder. Am Wochenende oder nachts machte es besonders Spass. Ich bin dann immer mit dem Taxi in die Notaufnahme des Klinikums gefahren. Denn Nase dicht halten und Autofahren geht mit ohne Arme nicht. Meine Nerven, was da nachts los ist, unglaublich. Ich musste aber nie warten, denn hat man Pech kann man verbluten. Einmal haben mir die Samstags Abend 2 richtig große Tampons in die Nasenlöcher gerammt und alles verpflastert. Ich hatte nämlich Karten für David Garrett und davon hätte mich keiner abgehalten. Das Konzert habe ich durchgehalten mit mörder Kopfweh, denn der Druck wurde immer unerträglicher. Aber man muss ja mal Prios setzen. Den Sonntag bin ich dann nicht mehr aufgestanden. Dann ist es mir einmal beim Friseur passiert. Perücke waschen und föhnen. Das Schlimme war, meine arme Friseurin kann kein Blut sehen. Also Taxi – Notaufnahme – zurück zum Friseur. Das Ganze in 45 Minuten auf einen Samstag morgen. Reife Leistung. Einmal, in der Woche, hatte mein doc Urlaub, musste ich zur Vertretung. Praxis voll, als sie mich sahen wurde ich gleich durchgewunken. Sehr merkwürdig die Praxis. Der doc sah aus wie Catweazle und benahm sich auch so. Ich habe rumgeguckt ob irgendwo ein Glas mit Kühlwalda stand, hätte mich nicht gewundert. Jedenfalls erklärte der mir, er würde jetzt den Notarzt rufen, denn so wie ich bluten würde, hätte ich bestimmt einen Blutdruck von über 200 und würde in 10 Minuten nen Schlaganfall kriegen. Moooooooooooment mal, nein, mein Blutdruck ist okay lt. Kardio, das ist von Chemo. Nein, das konnte nicht sein. Doch – Nein……….. der hat mich völlig irre gemacht. Ich hing über der Schüssel und es tropfte und ich brüllte ihn mittlerweile an, er soll jetzt was tun. Alles zugestopft, veröden ginge nicht mehr, die Nasenwände wären dünn wie Pergament. Er wolle jetzt Blutdruck messen, meinen Einwand das geht nicht ignorierte er und schraubte mir so ein Handgelenksgerät an den Arm. Natürlich ging es nicht. Das wäre bei solchen Armen ja auch kein Wunder. Echt? komisch. Ich bin dann geflüchtet und zwar zum Kardio, denn der hatte mir mit seinem Schlaganfallgerede irgendwie doch Angst gemacht. Der Kardio sagte nur, alles gut, hinsetzen, bis 30 zählen und atmen. Okay, zu Catweazle ging ich nie mehr.

Kurz gesagt, ich hatte so was von die Schnauze voll. Ich war jetzt alle 3 Wochen zur Infusion mit Herceptin und Studienmedi im Krankenhaus und fragte, was zu tun sein. Antwort einer Ärztin, nicht meiner, war, komisch, das wäre aber sehr ungewöhnlich. Herzlichen Dank für die Info und die Hilfe. Jedenfalls war das so der Moment wo ich dachte, es wird Zeit. Hör auf deinen Bauch und nimm nicht alles so hin sondern übernimm endlich selbst die Verantwortung für dich. Es ist echt einfach bequem zu sagen, ach, die wissen schon was zu tun ist. Nein, Schluss mit lustig. Bis hierher und nicht weiter. Ich hatte 12 x das Hercep mit Studienmedi intus und erklärte freundlich aber bestimmt, dass ich ab sofort raus aus der Nummer bin. Weder das KH noch die Pharmafirma waren begeistert, es seien doch nur noch 2 mal. Nein und nochmals nein, es ging einfach nicht mehr. Meine Frustationstoleranz war eindeutig überschritten. Das war im Juni.  Da aber wirklich nur 2 fehlten blieb ich insofern in der Studie, dass ich weiter in der Überwachung bin, kommenden Donnerstag ist es wieder soweit.

Von da an hinterfragte ich alles und jeden. Ich beschloss, jetzt ist genug mit Doofkrebs, ich brauche jetzt eine Auszeit. Ich hatte soviel getan und genommen, entweder ist es jetzt gut oder eben nicht. Aber ich kann dem Doofkrebs nicht entgegentreten, wenn ich mental im Keller bin. Hätte ich geahnt, was sich weiter anbahnte und vor allem was mit meiner Mutter los war und wie das enden würde…………… hätte hätte Fahrradkette.

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2 Gedanken zu “Notaufnahmen ……

  1. Liebe Sabine, das mit dem Nasenbluten ist der wahre Horror. Ich kenne es noch von meiner Mutter. Wir waren sogar auch mal Heiligabend zum veröden im Klinikum.
    Alles Sch……

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