Alles Gute zum Geburtstag

Heute würde meine Mutter 91 und es ist der 1. Geburtstag ohne sie. Es ist einfach unglaublich, dass ein halbes Jahr vorbei ist, seitdem sie verstorben ist.

Heute vor einem Jahr waren wir mit Freunden schön essen und alles war gut, so gut, wie es mit 90 eben ist. Wir waren gerade in die neue Wohnung gezogen und alles lief wie immer. Im Oktober fing es dann an aus dem Ruder zu laufen. Das Ganze begann mit einer mörder Gürtelrose und wir dachten, ja, jetzt wissen wir warum sie immer sagte, ich glaube, ich brüte was aus. Ende Oktober hatte ich die Brustangleichungs-OP und war eine Woche zum Seminar in Hamburg, dann kam der Dezember und ich konnte sie nicht mehr wirklich allein lassen. Dank der Hilfe von Rainer und Heidrun haben wir das aber hingekriegt. Symptome waren eigentlich, dass sie sich zusehens kaum bewegen konnte und das Sprechen fiel ihr schwer. Unser Hausarzt war, sagen wir mal vorsichtig, absolut keine Hilfe. Wenn wir abends und nachts alleine waren, kam ich schon oft körperlich an meine Grenzen. Aber das war egal. Es war einfach Zeit, was für die letzten 55 Jahre zurückzugeben. Egal wie, geht nicht, gabs nichts. Ich musste allerdings ein paar Mal Rainer anrufen, bitte komm mal, du musst uns helfen. Kein Problem…

Gleich im neuen Jahr, nach Hausarztwechsel, überredete der uns, sie für 3 Tage ins Krankenhaus zu bringen und ne Diagnostik zu machen. Der rasche Verfall machte uns sprachlos und der doc sagte, das muss was anderes sein. Aber sie hatte absolut keine Schmerzen. Wir redeten viel mit den Augen und über Hände drücken. Jedenfalls sagte der doc den Herrschaften im Krankenhaus, nur Diagnose, keine Behandlung und nach 3 Tagen geht sie mit ihrer Tochter nach Hause. Die Tochter ist schwerbehindert und an Brustkrebs erkrankt, ich verbürge mich aber dafür, dass zuhause die Versorgung gesichert ist. Ich könnte jetzt 675 Kapitel schreiben über Krankenhäuser und wie sie mit alten Menschen umgehen und was man tun muss, um einen Aufenthalt zu überleben. Aber ich will mich nicht reinsteigern. Deshalb nur die Kurzfassung:

Ich habe absolut kein Problem mit Ausländern, im Gegenteil, ich kenne es von früher, von meiner Kindheit, alle sind gleich. Aber es kann nicht sein, dass ein Arzt bei der Aufnahme mehr chinesisch – war wirklich ein Asiate – spricht, nicht zuhört, sich nicht die Mühe macht, nahe an sie ran zu gehen. Ich sagte mehrfach, sie hört schwer, versteht aber alles, gucken sie ihr in die Augen, dann sehen sie es. Er tippte im Computer rum, ging raus, ich natürlich gleich gelesen, und prompt, alte, nicht orientierte Frau, schwerbehinderte Tochter, Symptome unklar. Da kriegte ich dann gleich den 1. Anfall. Sein Hauptproblem war, dass ich in den Computer geguckt hatte. Okay, ich fange an mich in Rage zu denken. Also lange Rede, kurzer Sinn, am 3. Tag rief ich Rainer an und sagte, komm sofort, wir nehmen Mutter mit. Diagnose war, Lungentumor mit Metas und Metas im Hirn, deshalb hat sie nicht reden können aber auch keine Schmerzen, manchmal ist eine Meta im Hirn gar nicht so blöd. In diesen 3 Tagen waren wir 12 Stunden vor Ort, jeweils 4 Stunden Rainer, 4 Heidrun, 4 ich. Ich drohte mehrfach mit Anzeigen und machte unmissverständlich klar, sollte irgendwas in sie reingestochen werden, Medis verabreicht, die ich vorher nicht gesehen habe oder irgendetwas mit meiner Mutter gemacht werden ohne mich, dass sie dann Spass kriegen. Nachdem mehrere Dinge an mir vorbei liefen, gab es ein Gespräch mit dem Arzt, der mich ankackte, ihm würde mein Ton nicht gefallen. Tja, sagte ich, den passe ich nur an die Behandlung meiner Mutter an. Komischerweise ging es dann mit uns ganz gut. Er war auch der Meinung, ab nach Hause, die Onkologin erzählte mir, ja, in der Lungenklinik hätte sie schon nachgefragt, da wäre ein Bett frei. Ich weiß nicht, was die gefrühstückt hatte……. ja, die Klinik kann den Tumor bestimmen und dann ein bißchen Chemo, wissen sie, das ist heute gar nicht mehr so schlimm. Dann hat sie vielleicht noch einige Wochen…..Ja, Treffer, versenkt, mein Einsatz, ich die Haare vom Kopf geruppt mitten auf dem Gang und gefragt, was genau wollen sie mir über Chemo erzählen? Kurze Schnappatmung, dann sagte sie, äh, wir können sofort mit Heimen Kontakt aufnehmen, sie können sie ja nicht pflegen mit ihrer Behinderung. Ich sagte daraufhin ganz leise, und wenn ich leise werde, wird’s gefährlich, ich rufe jetzt meinen Freund und wir nehmen sie mit heim und sollte sich mir jemand in den Weg stellen, dann rufe ich die Polizei.  Und tschüss….

Allerdings hatte ich super Unterstützung von der Dame vom sozialen Dienst. Die machte immer Daumen hoch und organisierte in gefühlten 4 Stunden ein Pflegebett, machte alles für die Krankenkasse fertig und sagte immer, lassen sie sich nicht beirren. Klasse, danke. Unser neuen Hausarzt hatte umgehend das Palliativ-Care-Team an Land gezogen und das lief alles ganz toll.  Wohnzimmer umräumen, Bett rein, alle drum rum, alles gut. Das Ganze ging 8 Tage, wobei sie die letzten 3 nicht wirklich mehr reagierte. Und ich war nie allein. Entweder Heidrun oder Rainer oder meine von Conchita geerbte Katastrophenfreundin Diana. Sie schlief auch hier, konnte Mutter umbetten wenn wir das Bett neu beziehen wollten, kam immer rüber zum helfen. Das war wirklich der Hammer. Oh Gott, wir treffen auch immer in der größten Scheiße zusammen……..Nicht zu vergessen, die 2 Damen vom Pflegedienst, die gefühlt immer Zeit hatten. Die waren so toll. Jetzt gibt es bestimmt den ein oder anderen der sagt, wie furchtbar, das könnte ich nicht. Es ist das Beste und Wichtigste, was ich im Leben bislang getan habe und ich möchte keine Sekunde missen. Mit Hilfe toller Freunde, die immer da waren und Kolleginnen, Edda und Daniela, die mir wieder den Rücken freigehalten haben, konnte ich es ermöglichen, dass sie hier bleiben konnte. Ich hatte Zeit mich zu verabschieden und zu bedanken, ihr zu sagen, dass ich sie liebe und es blieb nichts ungesagt. Und ich konnte ihre Hand halten als sie beschloss, dass es nun reicht. Es macht mich stärker und es gib mir ein gutes Gefühl, dass mir nichts und niemand wieder wegnehmen kann. Ich danke den Metas, dass sie ihr Schmerzen und Leidenszeit erspart haben und ich denke, das ging alles so schnell, ich glaube, sie hat gar nicht realisiert was passiert. Ich, bzw. wir irgendwie auch nicht. Aber alles ist gut wie es ist und ich bin froh, dass wir die letzten 6 Jahre zusammengelebt haben.

Was mir am meisten fehlt? Unsere Streitkultur glaube ich, wir konnten alles bis ins Kleinste ausdiskutieren. Leute, die uns nicht kannten dachten bestimmt öfter, oh Gott, wie gehen die miteinander um. Es war toll und es ist nicht einfach, so jemanden wieder zu finden. Ich finde kochen, putzen, Haushalt immer noch Kacke. Es fehlen mir Sprüche wie: wer hat dich eigentlich zur Schlampe erzogen? und so viele Kleinigkeiten. Aber so ist das Leben und ich kann mich jetzt komplett auf mich und meinen Überlebensmodus fokussieren. Habe deal mit Doofkrebs, lass mich 10 – 15 Jahre in Ruhe, dann können wir neu verhandeln. Bislang hat er noch nicht widersprochen…….

Für die Trauerfeier suchte ich u.a. ein Lied von Unheilig aus: An deiner Seite. Es gibt keinen Text, der es mehr tritt. Das waren wir……    Meine Mutter war Unheilig-Fan. Meine Mutter war eine coole 90-jährige.

Ich werde heute Abend ganz in Ruhe auf dich anstoßen und es machen wie in unserem Lied:……….ich denk zurück an eine wunderschöne Zeit…………

Treibsand

Manchmal hab ich das Gefühl, meine Füße stecken im Treibsand. Jeder Schritt ist zäh und manchmal hänge ich fest und denke, der nächste Schritt funktioniert nicht mehr. Nervt. Aber irgendwas ist ja immer. Donnerstag war ich im Krankenhaus zur Zometainfusion. Ob die Idee nun gut ist oder nicht, habe ich auch noch nicht wirklich rausgefunden. Aber jetzt isse drin und gut isses. Diesmal habe ich es besser vertragen, aber gut auch nicht. Freitag gegen nachmittag machte dann der Kreislauf doof und ein bisschen Fieber und blöd im Kopf……..aber nicht so schlimm wie das letzte mal.

Ich war Donnerstag gegen 8.15 auf der Station und hab erstmal geschaut wer da ist, hätte ja sein können, dass ich jemanden kenne. Wir waren am Anfang zu viert, wobei eine erst die 2. Chemotherapie hatte und entsprechend unsicher war. Aber es ist wirklich so, wir sind eine Familie, ob man sich nun kennt oder nicht. Sozusagen eine neue Familie. Da geht’s um Fragen wie, oh, die Einstichstelle brennt, ist das okay? Ja, nur die Ruhe, ist nur zu viel Desinfektionsmittel auf der Haut. Und, dass im Schlauch kleine Luftblasen sind, ist auch okay. Was übrigens eindeutig alle Krimis widerlegt, in denen eine kleine Luftblase in der Vene gleich zum Tod führt. Wichtig fürs Leben……. Jedenfalls wurde meine Infusion so auf eine Stunde eingestellt. Langsamer geht’s echt nicht mehr. Und da ich ja aufpasse und versuche, das Ganze etwas länger zu überleben, kam natürlich meine obligatorische Frage, was ist denn in dieser Spritze so ganz genau drin??????? Yeah, Treffer, versenkt, Heparin, tja, bin leider immer noch allergisch. Okay, Spritze weg und NaCl aufgezogen. Geht doch….Und natürlich haben wir uns unterhalten, wie es ist, dass so viele bekannte Menschen dieses Jahr schon an Krebs verstorben sind. Und vor allem, warum berührt uns das so. Es ging aber jeder von uns so. Vielleicht, weil auch Menschen die wir nicht kennen, zur Familie gehören. Und wenn jemand jung an Doofkrebs stirbt, ev. auch kleine Kinder da sind, ist es natürlich echt bitter. Aber woran liegt es? Ist es wirklich die Verschwörung? Ist Krebs schon längst heilbar, nur kann man damit nicht diese Milliarden an Kohle machen? Oder rotten wir uns alle selbst aus? Geiz ist geil, viel Fleisch für wenig Geld, ein bisschen Strahlung ins Hirn durch Handys, bisschen genmanipuliertes Gemüse, lecker Antibiotika in jeder Stück Wurst, da kann man noch 2 Stunden aufzählen. Ist natürlich müßig, aber vielleicht sollte man mal anfangen umzudenken. Okay, hab ich jetzt auch nichts mehr von, aber normal ist das alles nicht, finde ich. Jeder hat so seine Geschichte, die haben wir uns natürlich erst mal alle erzählt…… spannend. Und lustig…. zwischendurch standen 2 Damen vor dem Schwesternzimmer und guckten zu uns rüber. Flüsterte die eine, ist das das Chemozimmer? Ja, als ich die da das erste Mal gesehen habe war ich total erschrocken…. Wir haben uns angeguckt, sagte eine, guck mal, Gesunde, als ich die das erste Mal gesehen habe, hab ich mich ganz schön erschrocken. Ruhe, dann kicher, lach, gröhl….. fanden die, glaub ich, nicht lustig. Spaß muss sein. Porti hat sich übrigens vorbildlich verhalten, ging alles glatt. Beim rumsitzen habe ich mir dann erst mal ein fettes Brötchen aus der Cafeteria und ne Cola gegönnt, die Brötchen da sind super. Ach ja, das letzte Mal waren ja nicht alle Blutwerte fertig, hab ich mir noch im Studiensekretariat geholt, Leberwert ist ein bisschen erhöht, aber die wächst ja bekanntlich mit ihren Aufgaben. Und wieder das altbekannte Stirnrunzeln, ihr HB Wert ist ja wieder total im Keller, da müssen wir aber……………nein, müssen wir nicht, alles bleibt so, scheiß auf HB. Danach bin ich dann zur Arbeit, alles gut bis Freitag Nachmittag. Aber jetzt ist es okay, sehr arbeitgeberfreundlich, morgen geh ich ordentlich arbeiten.

Den Fehler darf man nicht machen und drauf achten, was alles weh tut, bzw. an Stellen wo es sonst nicht weh tat. Also entweder Augen zu und durch oder hysterisch denken. Hatte ich zu beidem keine Lust. Vielmehr hab ich mal versucht rauszufinden, was wäre, wäre ich ein Langarmer. Okay, ich müsste nicht irgendwelche Türklinken zur Hilfe nehmen um mich anzuziehen, ich würde nicht das komplette Katzenfutter nebst Wassernäpfe fallen lassen, denn ich könnte mich runterbeugen. So rutscht mir alles aus den Füßen, weil wegen Chemo-Kollateralschäden. Was auch nicht schlecht wäre, wenn ich mich festhalten könnte, wenn ich aus der Badewanne steige. Zehn Anläufe, eine Überschwemmung und 2 ungläubig guckende Katzen später komme ich dann auch mal da raus. Natürlich so geschwitzt, dass ich gleich liegen bleiben könnte. War vor Chemo und Zometa auch nicht so einfach, hat aber nicht so weh getan. Definitiv also ja zu Zometa, ne Knochenmeta würde mich wahrscheinlich gar nicht erst in die Badewanne lassen. Das wäre also auch geklärt. Irgendwie doof, für Sachen, die man früher selbstverständlich gemacht hat, braucht man heute eine generalstabsmäßige Planung. Und ohne Schmerzmittel geht gar nichts mehr. Also, ich war am Wochenende kurz davor mich zu beklagen, aber nein, ich bleibe standhaft, nur, ich ziehe den Schlüssel aus der Tür und nehme das Telefon mit ins Bad, falls ich hinknalle und absaufe kommt jedenfalls wer in die Wohnung. Man muss weiter denken.

Was vor Doofkrebs irgendwie auch schöner war……..ich habe nicht soviel gedacht. Was einem manchmal einfällt ist erstaunlich. Hätte ich auch schon mal früher anfangen können. Zuviel denken ist auch schlecht, man muss ein gesundes Mittelmaß finden und nicht über jeden scheiß nachdenken, hält irgendwie vom leben ab. Und das geht ja gar nicht. Ich denke, ich geh jetzt ins Bett, morgen ist Montag. Neue Woche, neues Glück. Fängt aber schon gut an – mit Lymphdrainage. Die Brust wird’s freuen, mich auch.

Gefühle

Im Angedenken an meine Mutter höre ich tatsächlich manchmal HR4, ja, bekenne mich freiwillig. So wenn ich in der Küche rummache. Jedenfalls vorhin kam Roland Kaiser und sang irgendein Lied und ich hörte kurz hin, denn er sang: …und da sind auch noch Gefühle, die mich durchfahren wie Züge, hin und her ………, hm, dachte ich, wer den Text erfunden hat, gar nicht soooo blöd. Das beschreibt meine momentane Situation eigentlich perfekt. Also ich bin eher pragmatisch veranlagt. Gefühle hin und her, ich entscheide was anhand der Fakten und gut is. Nee, eben nicht. Schon meldet sich aus irgendeiner Ecke ein leichtes Unbehagen und nistet sich, äußerst hinterhältig, in meinem Gehirn ein und fragt so im Vorbeigehen……meinste, dass das richtig ist?  Mann, ich hab das jetzt so entschieden und Ruhe ist. Ne Stunde weiter grummelt es wieder. Das hatte ich vor Doofkrebs nicht. Ist es, weil es um meinen Hintern geht oder weil ich sensibler geworden bin? Wenn ich das Wort sensibel mit mir in Zusammenhang bringe, dann bricht, glaube ich, mein komplettes Umfeld in brüllendes Gelächter aus. Hm, wahrscheinlich werde ich einfach alt und dementsprechend dünnheutiger. Es passiert ja auch dauernd irgendwas mit irgendwem.

Am Donnerstag hatte ich Termin im Krankenhaus, den vierteljährlichen wegen der Studie. Blut abnehmen……………erst mal dem Port gut zureden, du bist nicht verstopft, nein, du gibst brav Blut….. dann eine körperliche Untersuchung wie es so schön heißt. Ich darf jetzt sagen, dass ich im Brustzentrum im Elisabeth-Krankenhaus in Kassel behandelt werde von der Chefärztin Dr. Schmatloch. Ich habe sie gefragt ob ich Namen nennen darf und sie findet das okay und ich darf auch sagen, was mir nicht gefällt.  Danke schön. Jedenfalls hatte ich mir fest vorgenommen zu sagen, ich nehme kein Zometa mehr, das hat mich vor nem halben Jahr so was von von den Füßen gerissen, ach du scheiße. So Kacke ging es mir bei keiner Chemo. Da kann ich doch jetzt mal gleich den nächsten Schwerkranken vorstellen, unser Gesundheitssystem. Das Arme liegt fast in den letzten Zügen. Kriegt aber kein Beileid von mir. Also Zometa ist das Mittel der Wahl bei Knochenmetas.  Okay, bislang habe ich, hoffentlich, noch keine. Aber es ist auch das Mittel der Wahl zur Vorbeugung. Früher hat die Krankenkasse Zometa zur Prophylaxe bezahlt. Jedes halbes Jahr eine Infusion für so um die 368,70 Euro. Macht ja auch Sinn, denn Metas zu behandeln ist auf Dauer teurer. Ja, diese Zeiten sind vorbei. Die Kassen zahlen nur noch bei nachgewiesenen Metas. Herzlichen Glückwunsch. Also was ist der Plan? Kann ich mir das Zeug alle 6 Monate leisten? Wer kann das schon? Viele Doofkrebsbetroffene haben eh massive finanzielle Probleme. Okay, ich nehme das Geld von meiner Conterganrente. Ist eigentlich auch nicht dafür gedacht……… .

Einige sagen, och würde das nicht nehmen, du hast keine Metas, wer weiß, was das auf Dauer auslöst. Mein doc meinte, das wäre ev. mit Kanonen auf Spatzen schießen. Und an der 1. Infu bist du beinahe eingegangen….Mach das nicht. Also ehrlich, meine Ärztin hat gesagt, wenn sie es wäre würde sie alle Möglichkeiten nehmen, die sich ihr bieten. Aber das sei natürlich meine Entscheidung und das wäre auch okay wenn ich mich dagegen entscheide. Mein Gefühl sagte, weg mit dem Mist. Das nächste sagte: Hallo, wo sind wir hier? Soweit ich mich erinnere hast du dich 2013 dazu entschlossen, doc Schmatloch zu vertrauen !!  Wie denn nun? Stimmt natürlich auch………Mann, ich habe keine Lust was zu entscheiden, ich will mein altes Leben wieder, sofort,  ich will auf den Schoss. Oh weih, hab gerade nach rechts geguckt, da steht das Bild von Conchita. Irgendwie steht in ihrem Gesicht, egal was du genommen hast, du verträgst es nicht… stimmt.

Also Schluss mit Gefühlen, gehen wir es pragmatisch an. Wäre ich ein Langarmer, könnte das Zeug sonst wen vergiften, mich nicht. Aaaaaber…… ich habe jetzt schon massive Probleme mit den Knochen und Gelenken durch den Aromatasehemmer und die Vorstellung, so eine hinterhältige Meta setzt sich da irgendwo hin und ich kann mich selbstständig nicht mehr anziehen oder den Hintern abwischen, so lange ich das verhindern kann, versuche ich es. Und der Vorstand der Pharmafirma, die ibuprofen Schmerzmittel herstellt, kann sich langsam durch meinen Umsatz einen neuen Sportwagen gönnen. Also werde ich kommenden Donnerstag um 8 Uhr morgens ins Elisabeth gefahren und mir eine lecker Infusion gönnen. Diesmal soll sie langsamer laufen und dadurch besser verträglich sein. Bin gespannt. Eigentlich ganz einfach. Man muss sich nur mal entscheiden. Und wehe ich kriege demnächst Metas……Irgendwie vergesse ich immer, dass ich einen mörder aggressiven Doofkrebs habe. Aber man muss sich ja auch nicht jede Kleinigkeit merken.

Trotzdem war es ein gutes Gefühl letzten Donnerstag im Krankenhaus. Als ich reinkam winkte schon der Empfang, zeigte auf mich und machte Daumen hoch und lächelte. Fand ich nett. Dann wurde ich hinten begrüßt: ach Sabinchen ist da. Wie isses. Dann meine doc mit strahlendem Lächeln, wie geht es Ihnen?  Schön, Sie wieder zu sehen. Als nächstes oben auf Station.  Komme um die Ecke und eine Schwester strahlt gleich und winkt. Und die Stationsärztin fragte gleich:  Haben Sie den Port besprochen? Nicht, dass er wieder doof macht und ja, ich weiß, kein Heparin, das merke ich mir für immer. Hab schon NaCl aufgezogen…… dann kam eine der Mädels vom Sekretariat, sie hätte schon gesehen, dass ich heute da wäre, ich müsste aber nochmal runter kommen, na klar. Dann habe ich die Blutröhrchen ins Labor gebracht und gleich kamen 2 Damen und fragten wie es ginge. Und dann habe ich mich noch längere Zeit mit der Sekretärin von der Inneren unterhalten, die musste meine Karte fürs Labor einlesen. Es war einfach ein ganz tolles Gefühl, dass sich alle ehrlich gefreut haben mich zu sehen.

Alles in Allem war es ein schöner Vormittag im Krankenhaus und ich dachte, jetzt gehst du noch in die Stadt und kaufst dir was Schönes……..was auch immer. An Zometa demkst du frühestens Mittwoch Abend. Ich wollte eigentlich nur ne CD oder sowas, leider ist mir eine Perücke über den Weg gelaufen, die rief: nimm mich mit, Haare kann man nie genug haben…

Gestern Abend war ich zum Grillen eingeladen und da fragte mich eine Bekannte ob ich Angst vorm Tod hätte. Nee, definitiv nicht, aber tot sein fände ich scheiße, denn leben macht einfach Spass.

übrigens heiraten…

……fällt mir gerade ein, dass es anscheinend immer noch für einige Menschen suspekt ist, wenn man behindert ist und heiratet.  Es läuft folgendermaßen ab: Oh, Sie haben geheiratet….. wie nett. Was hat denn Ihr Mann für eine Behinderung? Äh, gar keine…  ist ein Langarmer. Dann dauert es ca. 5 Sekunden in denen man folgendes im Gesicht liest: Waaaaaaas? Wieso heiratet ein normaler, was immer das ist, Mann eine Behinderte. Ist bestimmt der Betreuer, weil so behindert, das geht doch nicht gut, und schlecht sieht er auch nicht aus………. Ach, das ist ja schön, da freu ich mich für Sie, ja danke schön. Is klar…..

Kommt gleich nach: wo kommen sie her? Aus K. Ach, ist das ein Heim?  Nein, eine Stadt. Ach ja ? Oder:

Oh, ich habe gehört, Ihre Mutter ist leider verstorben. Wann müssen Sie denn aus der Wohnung raus? Äh, wieso, ich wollte eigentlich da wohnen bleiben. Ja aber Sie müssen jetzt doch ins Heim…  ja, is auch klar.

Behindert in Deutschland, es hat sich in den letzten Jahrzehnten nicht wirklich was getan….. aber in meinem Umfeld schöpfe ich täglich Hoffnung.

Notaufnahmen ……

Ja, da kenne ich einige. Ende 2014 dachte ich so bei mir, dass das ja mit Doofkrebs gar nicht so schlimm ist. Bislang hatte ich eigentlich keine größeren Probleme. Okay, Chemotherapie und Verstrahlung waren unangenehm und manchmal anstrengend, aber der Plan war ja behandeln, fertig und gut. Also alles in allem abarbeiten, fetten Haken dran und gut. Ja, das dachte so meine kindliche, manchmal ein bisschen einfach strukturierte Hirnmasse. Aus diesem Traum erweckte mich der Dezember. Genauer gesagt eine Nacht in Warnemünde. Ich bin aufgewacht mit Nasenbluten und hab dann gewartet, dass es mal wieder aufhörte. Nein, tat es nicht. Im Gegenteil, es kamen richtige Lachen raus, mittlerweile hing ich mit dem Kopf übern Klo, Handy auf dem Rand und geguckt, was doc Google da für eine Idee hätte. Überall stand, nach spätestens 20 Minuten zum Arzt, ganz furchtbar wichtig. Nachdem weit über eine Stunde rum war dachte ich, okay, dann fahre ich wohl mal. Ich war mit C. in Warnemünde, schlich dann ins Nebenzimmer, dank der Verbindungstür, und weckte sie, wir müssen mal ins Krankenhaus. Ja, wäre okay, sie stand auf, zog sich was an, kam rüber und fragte warum. Es war so gegen 2 Uhr morgens und die Rezeption wollte einen Arzt rufen. Da ich ja mittlerweile so meine Erfahrungen hatte und wusste, dass kein Krankenwagen entsprechend ausgerüstet ist, sind wir dann mit dem Taxi in die Rostocker Uniklinik gefahren, sehr nett da, echt zu empfehlen. Die Fahrt vergesse ich auch nicht, der Typ hatte irgendwas genommen und erzählte dauernd von einer Lobotomie. Das ist, wenn man bewusst im Hirn Nervenfasern durchtrennt. War früher wohl der Renner, nur meistens blieben die Patienten hinterher Pflegefälle. Jedenfalls war die Fahrt äußerst merkwürdig. In der HNO-Abteilung hatte ich einen jungen doc, der was von Chemo und Herceptin gehört hatte und mir dann gefühlt bis ins Hirn, also Lobotomiemäßig, die Blutungen verödete. Ansage: nicht schnäuzen, wie die Japaner hochziehen, ruhen und bloß nicht irgendwie Druck drauf. Er könnte aber nicht versprechen, dass das auf Dauer hält. Hielt natürlich genau bis zum nächsten Nachmittag. Ich saß in Kühlungsborn auf der Bank, Kopf runter wegen Handtasche, schon schoss das Blut wieder. Also Ärzteführer Ostsee geguckt, nächste Praxis gestürmt, das Gute ist, man kommt immer zügig dran. Wieder verödet und weiter. Seit dem blutete die Nase immer, bei jedem Putzen oder einfach auch so wie sie gerade Lust hatte. Das macht echt keinen Spass. Okay, dachte ich, das wird bestimmt besser. Nein, angeschissen, das war nur die Ouvertüre.

Irgendwann muss man ja mal Entscheidungen treffen,  was man will oder nicht. Die Nummer, was ? ich hab Krebs, nee, ach das geht schon wieder weg und ich stell mich jetzt mal taub auf dem Ohr, funktioniert nur bedingt. Die bevorzugte Zeit, sich mit so was zu befassen ist nachts um 3, da kann man sich prima schnellstens hysterisch denken. Ich war oft wach. Ich fahre gerne Auto, also in ich des Öfteren nachts auf der Autobahn unterwegs gewesen um den Kopf frei zu kriegen. War cool. Einmal stand ich alleine auf nem Parkplatz auf der A7, alles gut, bis mir einfiel: was machst du hier? Du überlebst die Chemo, damit hier gleich einer aus dem Gebüsch springt und dich umbringt? Da war ich aber ganz schnell wieder weg. Oder mit einer Mitpatientin war ich öfter nachts im McDonalds. Ach du Alarm, was da alles rumläuft…… Na ja, jedenfalls nagte der Gedanke an mir, du hast den aggressivsten Doofkrebs und die Situation kann täglich kippen, was passiert dann mit deiner Mutter. Okay, sie war zu der Zeit völlig fit, aber 1986 ist mein Bruder verstorben und wenn ich diese Nummer jetzt auch hinlege, das übersteht sie nicht. Der Plan war von Anfang an, du musst sie überleben, wenn auch nur für 10 Minuten, das habe ich ja mittlerweile leider oder Gott sei Dank geschafft. Fällt mir gerade eine Geschichte aus dem Leben eines Behinderten ein: Eine Nachbarin kondolierte meiner Mutter zum Tod meines Bruders mit den Worten: neeeeiiiin wie furchtbar, musste es unbedingt das gesunde Kind sein….. Mutter sagte, es hätte sie Jahre ihres Lebens gekostet nicht zuzuschlagen.  Jedenfalls wollte ich alle Dinge geregelt  und irgendwie mal eine Konstante im Leben haben. Ich stellte mir die Frage, was wäre die Sache oder der Mensch, die/der dich wirklich glücklich, zufrieden und entspannter machen und das Leben erleichtern würde? Es ist ein Mensch und keine Sache und wir haben am 18. Dezember geheiratet. Ich vertraue ihm seit 35 Jahren, er schafft es immer wieder, verstehe auch nicht wie, mich auf den Teppich zurück zu holen wenn ich irgendwie durchdrehe. Einer seiner Lieblingssprüche ist, was regst du dich auf, es kommt doch eh immer schlimmer als du denkst. Natürlich könnte ich ohne ihn leben, aber es würde sich nicht lohnen……… danke. ……………. Ach, den Tag hat meine Nase echt mal Ruhe gegeben. Das Jahr endete mit dem Gedanken, okay, letztes Jahr um die Zeit dachtest du, gibt’s noch Silvester 14, ja, das Jahr hatte ich schon mal überstanden, jetzt Luft holen und auf in 2015.

Das 1. was ich im Januar gemacht habe war, mir eine als Erinnerung an Conchy, eine rosa Brustkrebsschleife und den Satz: So wie du warst…. ins Genick tätowieren zu lassen. Den Platz habe ich bewusst gewählt, denn ich will das Zeichen nicht irgendwo haben, wo ich es täglich sehe, sondern es hängt mir sozusagen drohend immer im Genick. Die Begeisterung des Tätowierers hielt sich in Grenzen, denn es blutete ziemlich stark, tja, dachte sich die Nase, da mach ich doch gleich mal wieder mit. Es wurde Zeit, mir einen HNO Arzt zu suchen. Ich weiß nicht, wie oft ich da war. Immer blutete die Nase, langsam bekam ich aber ein Gefühl dafür ob ich es in den Griff kriege oder nicht. Die 20 Minuten Grenze hatte ich auf 1 Stunde gesetzt und manchmal klappte es. Mal schön in die heiße Badewanne legen, nix da, das erweitert die Gefäße und schon schießt es wieder. Am Wochenende oder nachts machte es besonders Spass. Ich bin dann immer mit dem Taxi in die Notaufnahme des Klinikums gefahren. Denn Nase dicht halten und Autofahren geht mit ohne Arme nicht. Meine Nerven, was da nachts los ist, unglaublich. Ich musste aber nie warten, denn hat man Pech kann man verbluten. Einmal haben mir die Samstags Abend 2 richtig große Tampons in die Nasenlöcher gerammt und alles verpflastert. Ich hatte nämlich Karten für David Garrett und davon hätte mich keiner abgehalten. Das Konzert habe ich durchgehalten mit mörder Kopfweh, denn der Druck wurde immer unerträglicher. Aber man muss ja mal Prios setzen. Den Sonntag bin ich dann nicht mehr aufgestanden. Dann ist es mir einmal beim Friseur passiert. Perücke waschen und föhnen. Das Schlimme war, meine arme Friseurin kann kein Blut sehen. Also Taxi – Notaufnahme – zurück zum Friseur. Das Ganze in 45 Minuten auf einen Samstag morgen. Reife Leistung. Einmal, in der Woche, hatte mein doc Urlaub, musste ich zur Vertretung. Praxis voll, als sie mich sahen wurde ich gleich durchgewunken. Sehr merkwürdig die Praxis. Der doc sah aus wie Catweazle und benahm sich auch so. Ich habe rumgeguckt ob irgendwo ein Glas mit Kühlwalda stand, hätte mich nicht gewundert. Jedenfalls erklärte der mir, er würde jetzt den Notarzt rufen, denn so wie ich bluten würde, hätte ich bestimmt einen Blutdruck von über 200 und würde in 10 Minuten nen Schlaganfall kriegen. Moooooooooooment mal, nein, mein Blutdruck ist okay lt. Kardio, das ist von Chemo. Nein, das konnte nicht sein. Doch – Nein……….. der hat mich völlig irre gemacht. Ich hing über der Schüssel und es tropfte und ich brüllte ihn mittlerweile an, er soll jetzt was tun. Alles zugestopft, veröden ginge nicht mehr, die Nasenwände wären dünn wie Pergament. Er wolle jetzt Blutdruck messen, meinen Einwand das geht nicht ignorierte er und schraubte mir so ein Handgelenksgerät an den Arm. Natürlich ging es nicht. Das wäre bei solchen Armen ja auch kein Wunder. Echt? komisch. Ich bin dann geflüchtet und zwar zum Kardio, denn der hatte mir mit seinem Schlaganfallgerede irgendwie doch Angst gemacht. Der Kardio sagte nur, alles gut, hinsetzen, bis 30 zählen und atmen. Okay, zu Catweazle ging ich nie mehr.

Kurz gesagt, ich hatte so was von die Schnauze voll. Ich war jetzt alle 3 Wochen zur Infusion mit Herceptin und Studienmedi im Krankenhaus und fragte, was zu tun sein. Antwort einer Ärztin, nicht meiner, war, komisch, das wäre aber sehr ungewöhnlich. Herzlichen Dank für die Info und die Hilfe. Jedenfalls war das so der Moment wo ich dachte, es wird Zeit. Hör auf deinen Bauch und nimm nicht alles so hin sondern übernimm endlich selbst die Verantwortung für dich. Es ist echt einfach bequem zu sagen, ach, die wissen schon was zu tun ist. Nein, Schluss mit lustig. Bis hierher und nicht weiter. Ich hatte 12 x das Hercep mit Studienmedi intus und erklärte freundlich aber bestimmt, dass ich ab sofort raus aus der Nummer bin. Weder das KH noch die Pharmafirma waren begeistert, es seien doch nur noch 2 mal. Nein und nochmals nein, es ging einfach nicht mehr. Meine Frustationstoleranz war eindeutig überschritten. Das war im Juni.  Da aber wirklich nur 2 fehlten blieb ich insofern in der Studie, dass ich weiter in der Überwachung bin, kommenden Donnerstag ist es wieder soweit.

Von da an hinterfragte ich alles und jeden. Ich beschloss, jetzt ist genug mit Doofkrebs, ich brauche jetzt eine Auszeit. Ich hatte soviel getan und genommen, entweder ist es jetzt gut oder eben nicht. Aber ich kann dem Doofkrebs nicht entgegentreten, wenn ich mental im Keller bin. Hätte ich geahnt, was sich weiter anbahnte und vor allem was mit meiner Mutter los war und wie das enden würde…………… hätte hätte Fahrradkette.