An Tagen wie diesen…….

wünsch ich mir Unendlichkeit, neeeeee, bloß nicht, nur vielleicht ein bisschen Gelassenheit, hm, ja, denke schon. Irgendwie bin ich die Tage leicht genervt. Meine Kollegin Daniela würde jetzt sagen: och, willste auf den Schoß? Ja, will ich.  Okay, hat man, aber wenn ich verschärft drüber nachdenke, ja, is klar, am Dienstag Nachsorgetermin, Ultraschall beide Brüste. Na toll. Am meisten ärgert es mich, dass ich darauf unterbewusst so reagiere. Ich, wir, man lebt ja immer mit dem Gedanken im Hinterkopf, ist alles okay oder ist da irgendwas, was nicht dahingehört………..auf der einen Seite wird man bei Doofkrebs mit der Zeit gelassener, aber darin liegt auch die Tücke. Je länger es gutgeht, desto häufiger schleicht sich gnadenlos hinterhältig der Gedanke so von schräg hinten an: hm, findest du nicht, dass es seit Diagnose schon zu lang gutgeht? Vielen Dank fürs Gespräch, nerv woanders. Es kostet mich dann immer ein paar Minuten um meinem Resthirn klarzumachen, dass jawohl alles gut ist und ich mit dem Denken aufhören soll. Klappt meistens, natürlich sterbe ich irgendwann, aber an Doofbrustkrebs ist nicht der Plan, eher, dass mich ein Pfleger im Altenheim die Treppe runterschubst weil ich nerve und keine nette, ältere Dame bin. Also in der Theorie bin ich einfach genial, an der Praxis muss ich an Tagen wie diesen arbeiten. Es ist interessant, nach Diagnose und mit Behandlungsbeginn wirst du von allen gefragt, wie geht’s dir, kann ich dir helfen usw. ….und wenn du scheiße drauf bist, ist das auch okay, denn du hast es ja gerade schwer. Irgendwie ist es für andere Leute ja auch interessant und ich habe gefühlte 1000 x den Blick gesehen, oh Gott sei Dank, mich hat es nicht getroffen. Völlig logisch, ging mir genauso und auch, wie gesagt, bei Conchys Tod. Wenn du dann irgendwann das alles überlebt hast und in dein „normales“ Leben zurück kehrst, kann es passieren, dass du den Satz hörst: also jetzt ist ja wieder alles gut und du bist gesund und ich versteh gar nicht, wieso du so drauf bist……..  Liebe Freunde, Angehörige, Chefs und was es sonst noch so gibt. Das ist scheiße ! Erstens verändert dich so eine Doofkrankheit und zweitens, wenn du alles an Behandlungen gekriegt hast und nur bei Ärzten, Krankenhäuser etc. über ein Jahr oder länger hingst, dann stehst du plötzlich da und hast nichts zu tun, außer 3 Monate zu warten ob die Nachsorgeuntersuchungen ohne Befund sind. Das ist so der Moment, wenn du realisierst was eigentlich passiert ist und dann kannst du anfangen, deinen Körper mal nach den Kollateralschäden zu durchsuchen. Eine meine Lieblingsbeschäftigungen, definitiv, ich finde jede Woche was Neues.   Ich habe Glück, meine beiden Lieblingskolleginnen Edda und Daniela können das nachvollziehen und solange ich nur alle paar Wochen rumzicke geht’s wohl auch.

Kollateralschäden, das Problem, bzw. die Probleme damit sind für mich ätzender als Chemo und Verstrahlung. Natürlich hatte im Brustzentrum noch keiner Erfahrung mit einem Ohnarmer (den Beamte, der das Wort erfunden hat, würde ich auch gerne mal treffen – am besten mitten auf die 12). Was man alles für Nebenwirkungen kriegen kann wurde erzählt, aber was ich alles kriege oder wie es mein Leben beeinflusst wird…………… der Plan war eindeutig aufs Überleben gerichtet, den Rest wird man sehen. Ganz wichtig ist, immer schön Brüste und Lymphknoten abtasten, ich zeige mal wie das geht, ach, sie kommen ja mit ihren Armen gar nicht überall hin. Sach bloß, ist ja erstaunlich. Ja, dann müssen sie jemanden bitten……….. okay, ich habe noch 4 Nachbarn. Wenn Familie aus welchem Grund auch immer ausfällt, dann braucht man Plan B, hab ich, ich habe meine persönliche Busengrabscherin, 2 x die Woche Lymphdrainage, sonst platzt linker Arm. Die arme Jutta muss dann immer Teig kneten, ich bin sicher, sie findet alles. Falls du das heute noch liest, habe heute das Buch fast durchgelesen, was du mir zum Geburtstag geschenkt hast. „Ich koch dich tot“. Das ist ja so klasse. Perfekt…………….wir sehen uns morgen früh.  Also das habe ich schon mal abgedeckt. Vor kurzem hat sich rausgestellt, dass die Chemomedis mir auf die Augen gehauen hat. Suuuuuuuuuuuuuuper, wenn man eh nur mit gefühlten minus 2oo Dioptrien auf einem Auge sieht. Und jetzt? Ohne Brille sehe ich aus, als wäre ich irgendwo entlaufen, finde ich. Mein Optiker sagt, das ist Mädchenkram. Na und, manchmal bin ich eben ein Mädchen. Aber, was ich nicht bedacht habe, ist der Fiffi auf dem Kopf. Brillenbügel muss man drauf setzen, wenn man sie drunter schiebt, steht die Perücke ab und man sieht aus als hätte man eine Fliegermütze auf dem Kopf. Da die Seiten aber ein bisschen dicker sind als der normale Kopf, rutscht die Brille leicht. Die Option, wir machen einfach stärkere Gläser funktioniert nicht, rutscht sie nur einen halben Zentimeter sehe ich genauso viel, wie mit ohne. Okay, ich würge mir jetzt seit 2 Wochen eine Kontaktlinse ins Auge, da kann ich Geld sparen, ich brauch ja nur eine. Funktioniert, manchmal mit einer Hand, manchmal mit zur Hilfenahme eines Fußes und eines Teelöffels. Nur gut, dass mir immer eine Lösung einfällt, das passende Problem läuft mir irgendwann schon vor die Füße. Die Linse deckt nur das weit sehen ab, nützt mir aber zum lesen oder am PC nichts. Also erst mal Halbbrille auf und auf richtige warten.

Hauptproblem sind aber meine Knochen und Füße. 90 % der Dinge mache ich mit den Füßen, bzw. machte ich. Z.B. kehren, also mit langem Besen einen Haufen machen, dann hinsetzen, linker Fuß Schaufel, rechter Fuß kleiner Besen und fertig. Nö, die Zehen sind vorne taub und der Besen fällt mir immer runter, ich habe kein Gefühl mehr in den Zehen. Das ist kacke, aber dann muss es eben anders gehen. Dauert nur länger und nervt. Wenn mich morgens einer bei Aufstehen sieht, der denkt er ist in einem Zombiefilm gelandet. Die sind doch so komplett steifbeinig gegangen, ich auch. Das dauert 5 Minuten bis ich mich eingelaufen habe. Es gibt an Knochen nichts, das nicht weh tut. Das Gute ist, ich weiß sofort, dass ich noch lebe. Zwar gefühlte 5o Jahre älter, aber immerhin. Ich könnte jetzt 1000 Beispiele bringen, aber mit ein bisschen Phantasie kann man sich das ja vorstellen und dank meinem besten Freund ibuprofen 600 komme ich dann morgens auch irgendwann mal aus dem Quark. Tja, so isses – und soll ich was sagen, ich liebe es. Es ist mein Leben und freiwillig gebe ich es nicht her, niiiiiiiiiiiiiiiiemals.

Der gemeine Hesse würde jetzt sagen, so, jetzt hab ich mich ussgemährt und wenn ich das lese muss ich selber lachen. Spätestens Dienstag Mittag ist alles wieder gut, was anderes lass ich mir jetzt einfach mal nicht gefallen. Gerade habe ich eine ibu eingeworfen und gleich spielt Deutschland. Vielleicht noch nen Schluck Sekt drauf, dann tut gar nichts mehr weh. Oh Gott, hoffentlich liest das mein doc nicht……

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4 Gedanken zu “An Tagen wie diesen…….

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