Motivation ?

Was motiviert einen, wenn man erleben muss, dass jemand wie Conchita stirbt? Eigentlich ist das, wie wenn man gegen eine durchsichtige Mauer rennt und zurückgeschleudert wird. Entweder man fällt um oder schüttelt sich und fängt wieder von vorne an. Bei einem unserer letzten Gespräche sagte sie, wenn einer von uns sterben muss, dann bin ich das jetzt und ich warne dich, wehe ich sehe dich in den nächsten 30 Jahren auf dem Handtuch liegen. Wir wollten immer an die Ostsee. Ich hab ihr versprochen, mich daran zu halten. Das werde ich auch solange versuchen wie ich kann. Es gehen einen so viele Gedanken durch den Kopf, auch ganz kurz, dass man froh ist, selber noch zu leben. Kaum gedacht schämt man sich schon. Wahrscheinlich ist es aber einfach auch normal. Trotzdem schämt man sich. Bei der Trauerfeier waren alle Schwestern der Station dabei, die es zeitlich irgendwie hinkriegen konnten. Das war schön und zollte ihr den Respekt, den sie wirklich verdient hatte.  Aber auch die Schwestern haben diesen Respekt verdient. Sie haben es ihr wirklich angenehm gemacht – und uns auch. Für mich kam immer nur das Hospiz in Frage wenn`s mich erwischt, aber auf der Station könnte ich auch damit leben. Klingt auch leicht schräg, trifft es aber.

Also, tief Luft holen, durchatmen und in die nächste Schlacht. Und ab jetzt immer an meiner Seite Conchitas Erbe für mich. Ich habe Diana geerbt, uns verbindet natürlich diese Nacht, aber sie ist seitdem immer bei Fuß wenn es irgendwo brennt. Zuletzt bei der Pflege und Fürsorge meiner Mutter. Ohne sie wäre es nicht machbar gewesen. Natürlich auch nicht ohne Heidrun und Rainer. Die 3 haben sich mehr als gekümmert. Aber es ist erstaunlich, wie so was manchmal entsteht. Man verliert und gewinnt zugleich. Nur leider ist der Preis oft hoch. Aber deshalb gehe ich morgen mit meinen Lieblingsmenschen lecker essen, denn ich habe Geburtstag und freue mich total, wie Conchita bestimmt auch, dass ich den schon mal im Sack habe. Wenn ich um Mitternacht noch wach bin, trinke ich ein Schlückchen auf sie.

Gut, es ging also weiter mit Herceptin und Studienmedi, alle 3 Wochen, insgesamt 14 mal. Eigentlich habe ich das ganz gut vertragen, aber irgendwie hatten im Laufe der Zeit meine Schleimhäute keinen Bock mehr. Es war einfach nur ätzend, kein Geschmack und alles trocken überall und wieviel Tonnen Creme ich mir sonst wo hingeschmiert habe, kann ich auch nicht mehr zählen. Ich hatte das Gefühl, ich trockne langsam komplett ein. Hirn auch, Chemodemenz gibt es und meine liebe Kollegen fragten mich auch öfter ob sie mich gerade wieder getroffen hat. Das ist echt Kacke, man bekommt ein angstmachendes Gefühl, wie sich Menschen fühlen müssen, die an Alzheimer erkrankt sind. Ich vergesse es bestimmt nie, ich kam nicht auf das Wort Stift oder Kuli, es ist der Hammer. Ich habe immer noch manchmal solche Aussetzer, also entweder Chemodemenz oder Alzheimer, dann werde ich vergessen, Doofbrustkrebs gehabt zu haben. Okay, der Scherz war platt. Ich hatte jetzt seit Januar 2014 Chemo und OP abgearbeitet und da ich das volle Behandlungsprogramm gewonnen hatte, war als nächstes Bestrahlung dran. Oder Verstrahlung, fand ich treffender, die Strahlenpraxis eher nicht. Um möglich sicher zu gehen, dass alle kleinen miesen Verräterzellen erwischt wurden, musste die Brust punktgenau bestrahlt werden. Ich glaube 33 mal und noch 2 x besondere Strahlung, müsste ich nachsehen, habe aber keine Lust. Tja, da waren sie wieder, meine Probleme mit Armen, Ärzten, Behandlungsliegen etc.. Vor der 1. Bestrahlung wurde man im CT angezeichnet mit dickem Edding, damit es bloß nicht abging. Ab sofort hatte ich im Brustbereich Kriegsbemalung und wehe man wäscht die weg. Die Physiker errechnen genau wo die Strahlung hinmuss, so dass möglichst Herz, Lunge und was da noch so rumliegt, keine Strahlung abkriegt, den gesund ist anders. Das Ganze hat einen kleinen Haken, denn man muss bei jeder Bestrahlung genau gleich liegen, damit die Strahlung immer genau trifft. Also Ansage an mich, heben Sie mal den Arm über den Kopf. Ich, nö, geht nicht, habe kein ordentliches Schultergelenk, ich krieg den nicht hoch. Und jetzt? Nach mehreren Minuten Beratung, erfolglos, machte ich dann den Vorschlag, den Arm einfach dahin zu ziehen wo er hin sollte. Aber wie denn? Wir können doch nicht, doch, los jetzt, Seil suchen, um Arm binden, nach hinten wegziehen und irgendwo justieren. Da denen selbst nichts einfiel wurde der Plan dann umgesetzt. Kreativ muss man eben sein. Geht nicht, gibt’s nicht. Also konnte es losgehen, dh. jeden morgen außer Samstag und Sonntag zur Bestrahlung. Ich war natürlich bemüht, den 7.30 Uhr Termin zu ergattern. Aber der war besetzt von Rentnern. Warum muss ein Rentner so früh bestrahlt werden, der den ganzen Tag Zeit hat, während ich zur Arbeit muss? Irgendwann hatte ich dann frühe Termine, so dass mir nicht soviel Zeit morgens verloren ging. Jeden Morgen das gleiche Ritual, hin, warten auf Aufruf, in Kabine ausziehen, auf Liege legen und dann Arm wegziehen und mit Klebeband festkleben, sich solange millimeterweise bewegen, bis die Strahlung direkt auf den Markierungen lag. Dann alle raus, Bestrahlung glaub ich, 90 bis 120 Sekunden, bloß nicht bewegen, zu viel atmen …….. und fertig. Wieder anziehen und los zur Arbeit. Dauerte alles länger als die Verstrahlung an sich. Die ersten 20 waren unproblematisch. Die Haut rötete sich nur langsam, die Markierungen wurden nachgepinselt, man musste ja auch mal duschen. Manche haben auch nur gepudert, ich hab geduscht. Das Problem bei mir war, das es eh eine Stelle gab an der Brust, die schlecht geheilt war und lange nicht zu ging, so dass Dr. Sch. noch einmal nachoperieren wollte, wo ich mich aber völlig taub gestellt habe. Nix nochmal kurz in den OP. Jedenfalls war die ein gefundenes Fressen für die Strahlung und es fing wieder an zu nässen. Na toll. Mittlerweile war die Haut richtig rot und ich habe 3 Kreuze geschlagen, als ich endlich fertig war. Das fand ich ätzender als die Chemo. Ich fühlte mich echt komplett ausgetrocknet, verstrahlt und doof. Aber damit fertig, yeah. Bevor es runter in den Bunker ging, musste man oben warten, mal länger, mal 2 Minuten, jedenfalls Zeit zum unterhalten. Eine etwas nervtötende Dame erzählte hingebungsvoll von ihrem Fersensporn, der dadurch wohl wirklich besser wurde, ich weiß jetzt alles darüber…….irgendwann fragte sie dann mal weswegen ich da sein, ach, ich habe nur Brustkrebs, ja sagte sie, ist auch schlimm, sagte ich, ja, bin auch froh, dass ich keinen Fersensporn habe. Ich könnte mir auch gaaaaar nicht vorstellen, wie unangenehm das wäre. Nö, will ich auch nicht, ich muss ja nicht alles haben.

Ende Oktober war ich dann fertig mit der Behandlung. Wie fertig? Keine Chemo mehr, keine OP, keine Verstrahlung? Was um Himmels Willen mache ich mit der ganzen Zeit die ich habe?  Aber mir blieb ja noch eine ganze Zeit das Herceptin. Nachdem meine Brust wieder langsam eine normale Farbe annahm, war der Plan, jetzt erst mal Urlaub, Ostsee, cool, auch Reizklima, gut für trockene Schleimhäute. Mit dieser Idee fing das nächste Kapitel an, unter dem Motto: Entschuldigung, ich suche die Notaufnahme. Das war dann meine Lieblingsbeschäftigung in 2015.

So, in 1,5 Stunden werde ich 55. Unglaublich. Hätte mir vor 2,5 Jahren jemand gesagt, du kriegst Doofbrustkrebs, überlebst schon mal die Behandlung, heiratest schnell mal, verlierst deine Mutter und sitzt am Vorabend deines Geburtstages am PC und schreibst nen Blog, hätte ich gesagt, egal was du nimmst, du verträgst es nicht……..

Ich mach mir jetzt nen Rotwein auf, falls ich die Flasche aufkriege.

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10 Gedanken zu “Motivation ?

  1. Ich werde um 00.00 Uhr ein Glas Milch auf dich trinken……..das wird Conchy gefallen……..und ich sagte doch bereits, dass wir mit 80 Jahren ein Rollatoren-Rennen oder vielleicht auch ein Stock-Rennen veranstalten werden…….soll mal einer oder etwas versuchen, uns daran zu hindern 😀 Auf die nächsten 25 Jahre meine Schöne…………..deine Katastrophen-Freundin ❤

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  2. Hallo Sabine, ich fiebere fast darauf hin und freue mich immer sehr wenn du mal wieder was in deinen Blog schreibst. Manchmal muss ich schmunzeln und manchmal nimmt es mich emotional sehr mit… Vielen Dank dass du auf diese Weise teilhaben lässt an deinem Leben. Du hast eine tolle Art zu schreiben! Ich habe auch eine Flasche Rotwein aufgemacht und trinke ein Gläschen auf dich . Ich würde gerne mit dir anstoßen, aber vielleicht geht das ja auch auf die Ferne. Jedenfalls will ich es nicht mehr so ausarten lassen wie an deinem 14. Geburtstag. Erinnerst du dich noch?

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  3. Oh Gott, ja, ich erinnere mich. Da ging es dir gar nicht gut. War irgendwie fast ne Alkoholvergiftung 😨oder ganz? Jedenfalls gab’s richtig Ärger. Meine Güte, das ist 41 Jahre her. Unglaublich. …….
    Ich finde, wir müssen uns unbedingt mal wiedersehen.😎

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  4. hab jetzt nicht um 24 h auf Sie angestoßen (tief und fest geschlafen), hole ich aber heute abend mit Ihnen nach 🤗…… Ohne mich „springen “ Sie nicht ins neue Lebensjahr 😗. Hab Mutter ja versprochen das Sie anständig was zu essen bekommen 😉

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  5. Liebe Sabine,
    nachträglich herzlichen Glückwunsch zu Deinem Geburtstag. Ich wünsche Dir ein erfülltes neues Lebensjahr. Wir haben uns gestern Abend beim Gruppentreffen der Allianz gegen Brustkrebs kennenlernt (sind zusammen raus gegangen und Du hast mir von „doofkrebs“ erzählt). Da ich im selben Krankenhaus behandelt wurde wie Du, kann ich soooooo Vieles nachempfinden was Du berichtest. Ich finde Deinen Schreibstil klasse – Du sagst einfach wie es ist und fügst noch Deinen ganz persönlichen Humor hinzu, grossartig. Schön Dich zu kennen.

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