Mal zwischendurch

Ich wollte ja mal endlich über meine Besuche diverser Notaufnahmen schreiben,  aber manchmal gibt es Tage, da schlägt plötzlich eine Erkenntnis zu und man denkt, hm, den Gedanken musste mal festhalten. Heute war so ein Tag.

Ich bin immer noch obergenervt von den ganzen Untersuchungen und Arztterminen. Außerdem tut mir der Rücken weh, die Knochen, die Füße und überhaupt. Also eigentlich nix  Besonderes. Eigentlich ist also heute ein Dooftag. Natürlich nicht wirklich, aber manchmal muss man eben ein bisschen jammern, ein ganz kleines bisschen. Soweit so gut, bzw. nicht gut. Heute nachmittag wollte ich zu einem Vortrag über Suizid, Sterbehilfe, Für und Wider. War ein echt interessanter Vortrag mit anschließender Diskussion und ich fand es sehr spannend. Ich finde eines unserer höchsten Güter ist die Selbstbestimmung. Und die  möchte ich bis zuletzt auch bitteschön in Anspruch nehmen. Jeder soll machen was er möchte und in meinem Verständnis darf der Staat mir auch keine Vorschriften machen. Nee, ich will mich nicht über Sterbehilfe auslassen, habe aber gelernt , die Begriffe aktive und passive Sterbehilfe gibt es eigentlich nicht mehr, bzw. sind falsch. Wie gesagt, mörder spannendes Thema…….Jedenfalls fiel mir plötzlich meine eigene Sterblichkeit wieder ein und wieder diese Gewissheit, du hast eh keine Chance, also nutze sie. Och nee, nicht schon wieder. Keine Lust auf so einen Mist. Ich bin aus o.g. Gründen Mitglied bei der DGHS. Und habe heute die Frage gestellt bekommen ob ich mir so in ca. 2 Jahren vorstellen könnte, für den Bereich hier die Delegiertenstelle zu übernehmen. Nach kurzer Verwirrung sagte ich zu, darüber nachzudenken. Auf dem Weg zum Auto dachte ich eigentlich schon, ja, ich denke, das würde ich gerne machen. Coole Anfrage. 10 Meter weiter fragte mein Hirn, in 2 Jahren? Da bist du doch schon längst tot. Wieso grinst du gerade so dämlich? Äh ja, hatte ich gerade mal vergessen.

Ich fand das echt klasse, wie schnell sich die Gedanken so drehen können. Was sagt mir das? Eigentlich habe ich keinen Grund zu jammern. Was ist denn gerade das Problem? Keine Ahnung, hab eigentlich keins gerade. Vielleicht ist das ja das Problem. Jedenfalls Schluss mit Problemen. Im Moment bin ich auf der Gewinnerseite. Die Erkenntnis traf mich plötzlich. Wie ist der Status? Ich habe einige Kollateralschäden, meine Knochen waren vor DoofbrustKrebs auch schon über Verfallsdatum. Rücken auch, Füße seit Jahren platt und, zugegebenermaßen unnötig, Doofkrebs. Aber was macht das mit mir? Im Grunde habe ich eine irre Chance erhalten. Denkt man, man hat ewig Zeit, dann lässt man sie sich auch, kann ich auch noch machen wenn ich 104 bin. Mit Doofkrebs kann es allerdings knapp werden. Also tue ich Dinge, die ich schon immer wollte. Ich traue mich Sachen, von denen ich nie gedacht habe, dass ich das kann. Ich bin immer wieder von mir selbst überrascht. Total spannend. Was ist jetzt aber mein Vorteil daran? Ganz einfach, wer sagt, dass ich an Doofkrebs sterbe? Ich kann mich auch vom Taxi überfahren lassen oder mir versehentlich das Genick brechen. Ich kann aber auch viele Leute überleben, mit denen ich heute noch gelacht habe, morgen können sie einen Unfall haben. Also kann ich nur raten, Leute macht was ihr schon immer wolltet. Ihr wisst nie wann Schicht ist. Es stand gerade erst wieder in der Zeitung, dass die Menschen immer am Schluss die Dinge bereuen, die sie nicht getan haben, lt. Umfrage. Habe ich früher auch nicht gemacht, aber ich bin fest entschlossen, meine Chance zu nutzen. Ich will, wenn ich irgendwann mal weiß, heute wäre der letzte Tag, mich in Ruhe zurücklehnen und sagen, nö, alles gut, bring mir ein Glas Rotwein , ich bleib hier liegen…

Heute war echt ein guter Tag.

 


 

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Verwirrungen

Irgendwie bin ich gerade mal grundverwirrt. Oder im falschen Film oder vielleicht bin ich auch normal, nur die Anderen nicht? Wer weiß………..

Also das Gute ist, die Sonografie war okay. Kein Rezidiv in Sicht. Das ist schon mal die halbe Miete. Anscheinend habe Ärzte ein Problem mit Patienten, die sich freuen. Auf die Frage wann meine Diagnose war, kam die Antwort mitten in mein Lächeln: na Dezember 13 ist sooooo lange auch noch nicht her, da müssen wir schön engmaschig aufpassen. Herzlichen Dank für den Hinweis, wäre mir jetzt gar nicht bewusst gewesen. Ich dachte, ich bin schon seit 2014 für immer geheilt. Aber natürlich lasse ich mir durch son Scheiß die Laune nicht verderben. Ich hab ja nen neuen Hausarzt, der ist super nett, gründlich und ich vertraue ihm, kurz gesagt, ich würde ohne Bedenken einen Gebrauchtwagen von ihm kaufen. Jetzt die Tage machte er mal Ultraschall vom kompletten Innenraum. Die Idee kam ihm, als ich ihn fragte, wieso auf der letzten MRT Beurteilung stand: Offenbar Zustand nach Cholezystektomie? Hä? Die Krankheit hatte ich noch nicht und fragte somit Dr. Google. Dieser teilte mir in ca. 500.000 Artikeln mit, dass das eine Gallenblasenentfernung sei. Ach ja, und wann soll das gewesen sein? Ich kann mich nicht erinnern, dass ich jemandem meine Galle geschenkt habe. Sehr merkwürdig. Also dachte ich erst mal, hm, vielleicht ist das gar nicht dein Befund. Ist alles schon vorgekommen. Aber die ausgeprägte rechtskonvexe LWS-Rotationsskoliose gehört eindeutig mir, irgendwie liebe ich diese Wörter, klingt besser, als Rücken ist verdreht. . Leider sind Patienten, die sich für ihren Befund interessieren, nicht immer beliebt. Pech – für die Ärzte. Also ist mein doc mal in Ruhe alle Befunde der letzten Jahre durchgegangen und nirgendwo stand was über die Galle. Das arme Ding wurde seit Jahren nicht erwähnt. Er erklärte mir, dass es durchaus Menschen gibt, die ohne das Teil geboren wurden. Das ist eine seltene Fehlbildung und hat nicht zwingend was mit Contergan zu tun.  Deshalb wolle er sich jetzt mal selbst einen Überblick verschaffen. Gesagt, getan.  1 Kilo Ultraschallschmierzeug später erzählte er mir dann Folgendes: Also da wo sie wäre wenn sie da wäre, wäre sie schon mal nicht. Aber irgendwie liegt da was unter Leber und Zwerchfell und wenn es keine Zyste ist, hä? Zyste, na toll, dann könnte es durchaus die Gallenblase sein. Der Rest ist irgendwie alles da, mal mehr und mal weniger da wo es hingehört. Interessiert haben ihn auch die Gefäße. Weil wo kein Arm ist, hört es dann irgendwann mal auf. Da fand er auch einiges merkwürdig. Ich fand das alles total merkwürdig. Warum um alles in der Welt machte ich CTs und MRTs, ließ mich verstrahlen, nen Port einbauen und was weiß ich noch was, wenn ich anscheinend eine totale Sonderanfertigung bin und keiner sagt oder – und bemerkt was davon? Wie soll ich denn noch irgendwem die Aussage glauben, dass ich z.B. im Moment keine Metas habe. Denen fällt anscheinend noch nicht mal auf, dass da keine Gallenblase ist.  Fällt mir kurz die Geschichte ein zum Thema auffallen. Röntgen Thorax vor Jahren. Doc will Bild erklären, sage ich, das ist nicht mein Röntgenbild. Er nutzte leider die faire Chance nicht, nachzufragen, wie ich das meinte………..ich wies ihn freundlich darauf hin, wieso denn da Arme dran wären? Fand er nicht lustig, die Helferin auch nicht, aber ich. Und das war die Hauptsache.

Ja, so darf man das nicht sehen. Aha, wie sonst? Naja, nehmen wir an, die Fragestellung ist: wie geht es dem Hämangiom in der Leber? Dann wird die Leber begutachtet und wenn man Glück hat, auch noch das was drum herum ist. Wenn ich versehentlich beim Mittagessen eine Gabel verschluckt habe und die irgendwo unterwegs ist, dann wird die nicht gesehen. Danach wurde ja nicht gesucht. Und die Frage nach Metas wird auf jeden Fall ordentlich abgearbeitet, sollte mir zwischenzeitlich ein Organhändler das Herz herausgenommen haben, fällt das wahrscheinlich nicht auf.  Die nächste Frage ist, wieso hat das früher nie einer entdeckt? Bei der Feststellung der Conterganschäden z.B.. Meine Mutter war wochenlang mit mir auf Arzttour, okay, da kann man sagen, vor 55 Jahren waren die Geräte nicht so der Renner. Aber in den letzten Jahren……..also irgendwie finde ich das alles sehr merkwürdig. Aber natürlich kann ich meinem Lieblingsradiologen mal danken, dass der mal gefragt hat, wer die Galle gesehen hat. Da frage ich doch schon, hm, warum stand nichts zu der ev.Zyste oder doch Gallenblase an falscher Stelle da? Wieso kann das nicht auch ein großer Tumor sein?  Ich sage es ja, totale Verwirrung.

Der Plan ist jetzt wie folgt: doc spricht mit Radiologen, ich stelle Antrag auf Gefäßuntersuchung bei der Conterganstiftung, die zahlen das nämlich und solange hier nicht klar ist, wo was ist oder nicht und wie rum ich womit verkabelt bin, passiert erst mal nichts. Die wichtigste Frage aller ist aber: muss oder will ich das alles wissen? Ich habe 55 Jahre an mir operieren und weiß nicht was noch alles machen lassen und lebe immer noch. Wer sagt, dass eine erweiterte Vene dafür sorgt, dass ich bald tot umfalle? Kann sie nicht schon immer so angelegt sein? Und was fehlt oder sonderangefertigt ist, hat es mich 55 Jahre gestört?   Fragen über Fragen……. im Moment tendiere ich zu der Lieblingsabkürzung bei uns im Büro. E S M I …..einen Scheiß muss ich.

Also ich finde das Alles äußerst merkwürdig und ich denke, ich vertraue meinem Bauch, egal was da drin ist, mal eher als Ärzten. Ausnahmen sind natürlich stets willkommen.

An Tagen wie diesen…….

wünsch ich mir Unendlichkeit, neeeeee, bloß nicht, nur vielleicht ein bisschen Gelassenheit, hm, ja, denke schon. Irgendwie bin ich die Tage leicht genervt. Meine Kollegin Daniela würde jetzt sagen: och, willste auf den Schoß? Ja, will ich.  Okay, hat man, aber wenn ich verschärft drüber nachdenke, ja, is klar, am Dienstag Nachsorgetermin, Ultraschall beide Brüste. Na toll. Am meisten ärgert es mich, dass ich darauf unterbewusst so reagiere. Ich, wir, man lebt ja immer mit dem Gedanken im Hinterkopf, ist alles okay oder ist da irgendwas, was nicht dahingehört………..auf der einen Seite wird man bei Doofkrebs mit der Zeit gelassener, aber darin liegt auch die Tücke. Je länger es gutgeht, desto häufiger schleicht sich gnadenlos hinterhältig der Gedanke so von schräg hinten an: hm, findest du nicht, dass es seit Diagnose schon zu lang gutgeht? Vielen Dank fürs Gespräch, nerv woanders. Es kostet mich dann immer ein paar Minuten um meinem Resthirn klarzumachen, dass jawohl alles gut ist und ich mit dem Denken aufhören soll. Klappt meistens, natürlich sterbe ich irgendwann, aber an Doofbrustkrebs ist nicht der Plan, eher, dass mich ein Pfleger im Altenheim die Treppe runterschubst weil ich nerve und keine nette, ältere Dame bin. Also in der Theorie bin ich einfach genial, an der Praxis muss ich an Tagen wie diesen arbeiten. Es ist interessant, nach Diagnose und mit Behandlungsbeginn wirst du von allen gefragt, wie geht’s dir, kann ich dir helfen usw. ….und wenn du scheiße drauf bist, ist das auch okay, denn du hast es ja gerade schwer. Irgendwie ist es für andere Leute ja auch interessant und ich habe gefühlte 1000 x den Blick gesehen, oh Gott sei Dank, mich hat es nicht getroffen. Völlig logisch, ging mir genauso und auch, wie gesagt, bei Conchys Tod. Wenn du dann irgendwann das alles überlebt hast und in dein „normales“ Leben zurück kehrst, kann es passieren, dass du den Satz hörst: also jetzt ist ja wieder alles gut und du bist gesund und ich versteh gar nicht, wieso du so drauf bist……..  Liebe Freunde, Angehörige, Chefs und was es sonst noch so gibt. Das ist scheiße ! Erstens verändert dich so eine Doofkrankheit und zweitens, wenn du alles an Behandlungen gekriegt hast und nur bei Ärzten, Krankenhäuser etc. über ein Jahr oder länger hingst, dann stehst du plötzlich da und hast nichts zu tun, außer 3 Monate zu warten ob die Nachsorgeuntersuchungen ohne Befund sind. Das ist so der Moment, wenn du realisierst was eigentlich passiert ist und dann kannst du anfangen, deinen Körper mal nach den Kollateralschäden zu durchsuchen. Eine meine Lieblingsbeschäftigungen, definitiv, ich finde jede Woche was Neues.   Ich habe Glück, meine beiden Lieblingskolleginnen Edda und Daniela können das nachvollziehen und solange ich nur alle paar Wochen rumzicke geht’s wohl auch.

Kollateralschäden, das Problem, bzw. die Probleme damit sind für mich ätzender als Chemo und Verstrahlung. Natürlich hatte im Brustzentrum noch keiner Erfahrung mit einem Ohnarmer (den Beamte, der das Wort erfunden hat, würde ich auch gerne mal treffen – am besten mitten auf die 12). Was man alles für Nebenwirkungen kriegen kann wurde erzählt, aber was ich alles kriege oder wie es mein Leben beeinflusst wird…………… der Plan war eindeutig aufs Überleben gerichtet, den Rest wird man sehen. Ganz wichtig ist, immer schön Brüste und Lymphknoten abtasten, ich zeige mal wie das geht, ach, sie kommen ja mit ihren Armen gar nicht überall hin. Sach bloß, ist ja erstaunlich. Ja, dann müssen sie jemanden bitten……….. okay, ich habe noch 4 Nachbarn. Wenn Familie aus welchem Grund auch immer ausfällt, dann braucht man Plan B, hab ich, ich habe meine persönliche Busengrabscherin, 2 x die Woche Lymphdrainage, sonst platzt linker Arm. Die arme Jutta muss dann immer Teig kneten, ich bin sicher, sie findet alles. Falls du das heute noch liest, habe heute das Buch fast durchgelesen, was du mir zum Geburtstag geschenkt hast. „Ich koch dich tot“. Das ist ja so klasse. Perfekt…………….wir sehen uns morgen früh.  Also das habe ich schon mal abgedeckt. Vor kurzem hat sich rausgestellt, dass die Chemomedis mir auf die Augen gehauen hat. Suuuuuuuuuuuuuuper, wenn man eh nur mit gefühlten minus 2oo Dioptrien auf einem Auge sieht. Und jetzt? Ohne Brille sehe ich aus, als wäre ich irgendwo entlaufen, finde ich. Mein Optiker sagt, das ist Mädchenkram. Na und, manchmal bin ich eben ein Mädchen. Aber, was ich nicht bedacht habe, ist der Fiffi auf dem Kopf. Brillenbügel muss man drauf setzen, wenn man sie drunter schiebt, steht die Perücke ab und man sieht aus als hätte man eine Fliegermütze auf dem Kopf. Da die Seiten aber ein bisschen dicker sind als der normale Kopf, rutscht die Brille leicht. Die Option, wir machen einfach stärkere Gläser funktioniert nicht, rutscht sie nur einen halben Zentimeter sehe ich genauso viel, wie mit ohne. Okay, ich würge mir jetzt seit 2 Wochen eine Kontaktlinse ins Auge, da kann ich Geld sparen, ich brauch ja nur eine. Funktioniert, manchmal mit einer Hand, manchmal mit zur Hilfenahme eines Fußes und eines Teelöffels. Nur gut, dass mir immer eine Lösung einfällt, das passende Problem läuft mir irgendwann schon vor die Füße. Die Linse deckt nur das weit sehen ab, nützt mir aber zum lesen oder am PC nichts. Also erst mal Halbbrille auf und auf richtige warten.

Hauptproblem sind aber meine Knochen und Füße. 90 % der Dinge mache ich mit den Füßen, bzw. machte ich. Z.B. kehren, also mit langem Besen einen Haufen machen, dann hinsetzen, linker Fuß Schaufel, rechter Fuß kleiner Besen und fertig. Nö, die Zehen sind vorne taub und der Besen fällt mir immer runter, ich habe kein Gefühl mehr in den Zehen. Das ist kacke, aber dann muss es eben anders gehen. Dauert nur länger und nervt. Wenn mich morgens einer bei Aufstehen sieht, der denkt er ist in einem Zombiefilm gelandet. Die sind doch so komplett steifbeinig gegangen, ich auch. Das dauert 5 Minuten bis ich mich eingelaufen habe. Es gibt an Knochen nichts, das nicht weh tut. Das Gute ist, ich weiß sofort, dass ich noch lebe. Zwar gefühlte 5o Jahre älter, aber immerhin. Ich könnte jetzt 1000 Beispiele bringen, aber mit ein bisschen Phantasie kann man sich das ja vorstellen und dank meinem besten Freund ibuprofen 600 komme ich dann morgens auch irgendwann mal aus dem Quark. Tja, so isses – und soll ich was sagen, ich liebe es. Es ist mein Leben und freiwillig gebe ich es nicht her, niiiiiiiiiiiiiiiiemals.

Der gemeine Hesse würde jetzt sagen, so, jetzt hab ich mich ussgemährt und wenn ich das lese muss ich selber lachen. Spätestens Dienstag Mittag ist alles wieder gut, was anderes lass ich mir jetzt einfach mal nicht gefallen. Gerade habe ich eine ibu eingeworfen und gleich spielt Deutschland. Vielleicht noch nen Schluck Sekt drauf, dann tut gar nichts mehr weh. Oh Gott, hoffentlich liest das mein doc nicht……

Motivation ?

Was motiviert einen, wenn man erleben muss, dass jemand wie Conchita stirbt? Eigentlich ist das, wie wenn man gegen eine durchsichtige Mauer rennt und zurückgeschleudert wird. Entweder man fällt um oder schüttelt sich und fängt wieder von vorne an. Bei einem unserer letzten Gespräche sagte sie, wenn einer von uns sterben muss, dann bin ich das jetzt und ich warne dich, wehe ich sehe dich in den nächsten 30 Jahren auf dem Handtuch liegen. Wir wollten immer an die Ostsee. Ich hab ihr versprochen, mich daran zu halten. Das werde ich auch solange versuchen wie ich kann. Es gehen einen so viele Gedanken durch den Kopf, auch ganz kurz, dass man froh ist, selber noch zu leben. Kaum gedacht schämt man sich schon. Wahrscheinlich ist es aber einfach auch normal. Trotzdem schämt man sich. Bei der Trauerfeier waren alle Schwestern der Station dabei, die es zeitlich irgendwie hinkriegen konnten. Das war schön und zollte ihr den Respekt, den sie wirklich verdient hatte.  Aber auch die Schwestern haben diesen Respekt verdient. Sie haben es ihr wirklich angenehm gemacht – und uns auch. Für mich kam immer nur das Hospiz in Frage wenn`s mich erwischt, aber auf der Station könnte ich auch damit leben. Klingt auch leicht schräg, trifft es aber.

Also, tief Luft holen, durchatmen und in die nächste Schlacht. Und ab jetzt immer an meiner Seite Conchitas Erbe für mich. Ich habe Diana geerbt, uns verbindet natürlich diese Nacht, aber sie ist seitdem immer bei Fuß wenn es irgendwo brennt. Zuletzt bei der Pflege und Fürsorge meiner Mutter. Ohne sie wäre es nicht machbar gewesen. Natürlich auch nicht ohne Heidrun und Rainer. Die 3 haben sich mehr als gekümmert. Aber es ist erstaunlich, wie so was manchmal entsteht. Man verliert und gewinnt zugleich. Nur leider ist der Preis oft hoch. Aber deshalb gehe ich morgen mit meinen Lieblingsmenschen lecker essen, denn ich habe Geburtstag und freue mich total, wie Conchita bestimmt auch, dass ich den schon mal im Sack habe. Wenn ich um Mitternacht noch wach bin, trinke ich ein Schlückchen auf sie.

Gut, es ging also weiter mit Herceptin und Studienmedi, alle 3 Wochen, insgesamt 14 mal. Eigentlich habe ich das ganz gut vertragen, aber irgendwie hatten im Laufe der Zeit meine Schleimhäute keinen Bock mehr. Es war einfach nur ätzend, kein Geschmack und alles trocken überall und wieviel Tonnen Creme ich mir sonst wo hingeschmiert habe, kann ich auch nicht mehr zählen. Ich hatte das Gefühl, ich trockne langsam komplett ein. Hirn auch, Chemodemenz gibt es und meine liebe Kollegen fragten mich auch öfter ob sie mich gerade wieder getroffen hat. Das ist echt Kacke, man bekommt ein angstmachendes Gefühl, wie sich Menschen fühlen müssen, die an Alzheimer erkrankt sind. Ich vergesse es bestimmt nie, ich kam nicht auf das Wort Stift oder Kuli, es ist der Hammer. Ich habe immer noch manchmal solche Aussetzer, also entweder Chemodemenz oder Alzheimer, dann werde ich vergessen, Doofbrustkrebs gehabt zu haben. Okay, der Scherz war platt. Ich hatte jetzt seit Januar 2014 Chemo und OP abgearbeitet und da ich das volle Behandlungsprogramm gewonnen hatte, war als nächstes Bestrahlung dran. Oder Verstrahlung, fand ich treffender, die Strahlenpraxis eher nicht. Um möglich sicher zu gehen, dass alle kleinen miesen Verräterzellen erwischt wurden, musste die Brust punktgenau bestrahlt werden. Ich glaube 33 mal und noch 2 x besondere Strahlung, müsste ich nachsehen, habe aber keine Lust. Tja, da waren sie wieder, meine Probleme mit Armen, Ärzten, Behandlungsliegen etc.. Vor der 1. Bestrahlung wurde man im CT angezeichnet mit dickem Edding, damit es bloß nicht abging. Ab sofort hatte ich im Brustbereich Kriegsbemalung und wehe man wäscht die weg. Die Physiker errechnen genau wo die Strahlung hinmuss, so dass möglichst Herz, Lunge und was da noch so rumliegt, keine Strahlung abkriegt, den gesund ist anders. Das Ganze hat einen kleinen Haken, denn man muss bei jeder Bestrahlung genau gleich liegen, damit die Strahlung immer genau trifft. Also Ansage an mich, heben Sie mal den Arm über den Kopf. Ich, nö, geht nicht, habe kein ordentliches Schultergelenk, ich krieg den nicht hoch. Und jetzt? Nach mehreren Minuten Beratung, erfolglos, machte ich dann den Vorschlag, den Arm einfach dahin zu ziehen wo er hin sollte. Aber wie denn? Wir können doch nicht, doch, los jetzt, Seil suchen, um Arm binden, nach hinten wegziehen und irgendwo justieren. Da denen selbst nichts einfiel wurde der Plan dann umgesetzt. Kreativ muss man eben sein. Geht nicht, gibt’s nicht. Also konnte es losgehen, dh. jeden morgen außer Samstag und Sonntag zur Bestrahlung. Ich war natürlich bemüht, den 7.30 Uhr Termin zu ergattern. Aber der war besetzt von Rentnern. Warum muss ein Rentner so früh bestrahlt werden, der den ganzen Tag Zeit hat, während ich zur Arbeit muss? Irgendwann hatte ich dann frühe Termine, so dass mir nicht soviel Zeit morgens verloren ging. Jeden Morgen das gleiche Ritual, hin, warten auf Aufruf, in Kabine ausziehen, auf Liege legen und dann Arm wegziehen und mit Klebeband festkleben, sich solange millimeterweise bewegen, bis die Strahlung direkt auf den Markierungen lag. Dann alle raus, Bestrahlung glaub ich, 90 bis 120 Sekunden, bloß nicht bewegen, zu viel atmen …….. und fertig. Wieder anziehen und los zur Arbeit. Dauerte alles länger als die Verstrahlung an sich. Die ersten 20 waren unproblematisch. Die Haut rötete sich nur langsam, die Markierungen wurden nachgepinselt, man musste ja auch mal duschen. Manche haben auch nur gepudert, ich hab geduscht. Das Problem bei mir war, das es eh eine Stelle gab an der Brust, die schlecht geheilt war und lange nicht zu ging, so dass Dr. Sch. noch einmal nachoperieren wollte, wo ich mich aber völlig taub gestellt habe. Nix nochmal kurz in den OP. Jedenfalls war die ein gefundenes Fressen für die Strahlung und es fing wieder an zu nässen. Na toll. Mittlerweile war die Haut richtig rot und ich habe 3 Kreuze geschlagen, als ich endlich fertig war. Das fand ich ätzender als die Chemo. Ich fühlte mich echt komplett ausgetrocknet, verstrahlt und doof. Aber damit fertig, yeah. Bevor es runter in den Bunker ging, musste man oben warten, mal länger, mal 2 Minuten, jedenfalls Zeit zum unterhalten. Eine etwas nervtötende Dame erzählte hingebungsvoll von ihrem Fersensporn, der dadurch wohl wirklich besser wurde, ich weiß jetzt alles darüber…….irgendwann fragte sie dann mal weswegen ich da sein, ach, ich habe nur Brustkrebs, ja sagte sie, ist auch schlimm, sagte ich, ja, bin auch froh, dass ich keinen Fersensporn habe. Ich könnte mir auch gaaaaar nicht vorstellen, wie unangenehm das wäre. Nö, will ich auch nicht, ich muss ja nicht alles haben.

Ende Oktober war ich dann fertig mit der Behandlung. Wie fertig? Keine Chemo mehr, keine OP, keine Verstrahlung? Was um Himmels Willen mache ich mit der ganzen Zeit die ich habe?  Aber mir blieb ja noch eine ganze Zeit das Herceptin. Nachdem meine Brust wieder langsam eine normale Farbe annahm, war der Plan, jetzt erst mal Urlaub, Ostsee, cool, auch Reizklima, gut für trockene Schleimhäute. Mit dieser Idee fing das nächste Kapitel an, unter dem Motto: Entschuldigung, ich suche die Notaufnahme. Das war dann meine Lieblingsbeschäftigung in 2015.

So, in 1,5 Stunden werde ich 55. Unglaublich. Hätte mir vor 2,5 Jahren jemand gesagt, du kriegst Doofbrustkrebs, überlebst schon mal die Behandlung, heiratest schnell mal, verlierst deine Mutter und sitzt am Vorabend deines Geburtstages am PC und schreibst nen Blog, hätte ich gesagt, egal was du nimmst, du verträgst es nicht……..

Ich mach mir jetzt nen Rotwein auf, falls ich die Flasche aufkriege.