Es ist unmöglich sagte die Tatsache, versuch es, flüsterte der Traum

Diesen Spruch habe ich gestern im Schloss Bückeburg bei der Landpartie gesehen. Und ich dachte, ja, das umschreibt die Katastrophe, wenn der Plan versagt.

Irgendwann so vor der letzten Chemo lernte ich im Gang eine junge Frau kennen. Nennen wir sie liebevoll Conchita (insider). Wir redeten kurz miteinander und sie sagte, sie sei stationär hier, es ginge ihr nicht so gut und wenn ich Lust und Zeit hätte sollte ich doch mal reinschauen bevor ich ginge. Hatte ich beides und so begann eine intensive Zeit, deren Ende ich damals in den kühnsten Träumen nicht für möglich gehalten hätte.

Manchmal passt es einfach zwischen 2 Menschen und bei uns war das so der Fall. Wir konnten über den gleichen Scheiß lachen, miteinander reden als würden wir uns 100 Jahre kennen, Witze über Doofkrebs und Metas machen und überhaupt. 3 Wochen nach der letzten Chemo hatte ich die 1. Infusion Herceptin mit Studienmedikament und einen Tag darauf die Operation. Was auch irre war, ich musste vorher noch zur Mammo und der doc fragte, warum kommen Sie? Na wegen des riesen großen Tumors in der linken Brust. Ja, hier wäre nix, wann die OP gewesen wäre, aber ich hätte ja gar keine Narben ??? Das hieß, dass die Chemo das Mistvieh klein gekriegt hat und man augenscheinlich nix sieht. Ja toll super………… nö, heißt nur, man sieht nix. In dem rausgeschnittenen Klumpen waren noch Millimeter Restzellen zu finden. Wäre es jetzt eine ganz normale Vorsorgeuntersuchung gewesen, hätte ich gesagt gekriegt, alles gut, kommen Sie in 2 Jahren wieder. Aber es gab Tumorzellen. Will sagen, es ist nur sicher, dass nichts sicher ist. Aber auf jeden Fall schon gut, dass die Chemo so gewirkt hat. Ich hatte kurz drauf die OP und hatte Schiss vor dem Schnitt in Arm um die Lymphknoten zu entfernen. Kurzer Arm, da noch schneiden, das war echt Mist. Ich wunderte mich aber, dass der Arm beweglich war. Hallo, hat zufällig jemand vergessen, dass da Lymphknoten raus mussten ? Nee, einfach genial. Dr. Sch. erzählte mir dann, manchmal klappte es so dranzukommen. Also nicht durch die Brust ins Auge, sondern untern Arm. Ich hatte viel Brust, sie lange dünne Finger, hat geklappt. 15 Lymphknoten hat sie entnommen. Sie wollte es nur vorher nicht sagen, falls es nicht klappte, aber echt, einfach genial und so was von toll für Patienten mitgedacht. Danke schön. Vor der OP hatte ich auch ein längeres Gespräch mit dem Narkosearzt (da durfte ich die persönlichen Kontakte unseres Vorstands nutzen), ich bin ja vorbereitet, und alles klappte. Die Schwester musste nur alle paar Minuten im Aufwachraum den Blutdruckalarm abstellen, das nervte natürlich, aber sonst, ich hatte beim Aufwachen die Brille auf. Es ist ätzend irgendwo aufzuwachen und nichts und niemanden zu erkennen, nur weil man grottenblind ist. Aber das klappte auch. Da man ja bekanntlich nicht alles haben kann, schafften sie leider nicht Porti anzustechen und ich hatte nen ZVK im Hals. Nur irgendwie nicht richtig, ich konnte ein paar Tage den Kopf nicht drehen und das Gewebe war geschwollen. Kollateralschaden halt.

Da ich ja gerne eigenes Klo habe und Platz brauche um mich anzuziehen, gönnte ich mir ein Einzelzimmer auf der Privatstation für die paar Tage. Es war die Zeit der Fußball WM. Die Zeit, wo ich keinen Besuch hatte, hing ich bei Conchita rum. Einmal bin ich rein und gleich auf ihr Klo, sorry, muss mal kotzen bei dir. Äh ja, meinte sie, lass dir ruhig Zeit. Ich vertrage bestimmte Antibiotika nicht. Ich durfte die dann auch absetzen. In der Zeit lernte ich auch ihre Kolleginnen und Freunde kennen. Was ich toll fand, sie ließen mich gleich so rein in die Gruppe, waren sehr offen und so verbrachten wir viel Zeit in der Cafeteria draußen im Innenhof. Ich hatte mir eine Tasche umgehängt, in der ich die diversen Schläuche verstaute, denn ich bin immer wieder irgendwo hängengeblieben und das tat weh. Conchita hatte irgendwo irgendwelche Metas, die immer wo anders auftauchten. Der primäre Brusttumor wurde erst mal nicht beachtet, Metas zuerst, das ist das Vorgehen. Sie ist dann immer zu den Bestrahlungen abgeholt worden, aber wie es die Zeit erlaubte, machten wir es uns hübsch. Ganz oft war ihre Kollegin und Freundin Diana da, meist abends. Mit ihr hat es eine besondere Bewandtnis, kommt später. Und dann waren da die Nächte. Ich glaube, ich war immer nur 3 Stunden auf meiner Station im Bett. Immer wenn ich ins Zimmer wollte, musste ich mich melden, sie hatten abgeschlossen, wegen Klauen und so. Aber jeder wusste wo ich war und so wurde mir nachts um 2 einfach wieder aufgeschlossen, erst ein kleines Schwätzchen noch mit der Nachtschwester, dann ins Bett. Es ist irre, wenn man nachts durchs Krankenhaus schleicht. Ich habe immer fast eine Herzattacke gekriegt wenn ich irgendwo Schritte gehört habe. Da gibt es doch so einen Film, Autopsie, glaub ich.

Da ich fast jede Nacht bei Conchita im Bett gelegen habe, weiß ich, dass ich das hier so erzählen darf. Wir haben uns oft unterhalten, was meinst du, muss ich sterben oder stirbst du an Doofkrebs? Keine Ahnung, wir fanden den Gedanken einfach nur utopisch. Hallo ? Wir sitzen mit 88 irgendwo rum und erzählen uns, weißt du noch damals, Doofkrebs? Ich sagte mal, irgendwann schreibe ich den Scheiß auf. Sie sagte, ja, schreib über mich, alles was du noch weißt. Ich sagte, bist du doof, können wir doch zusammen machen oder hast du den Plan geändert? Ja, sagte sie, wie doof und wir lachten. Es ist absolut erstaunlich, wie so etwas entsteht, wie man intimste Dinge und Ängste mit jemanden teilt, den man eigentlich gar nicht kennt. Ihre größte Stütze war ihre Freundin Diana. Die beiden hatten eine besondere Verbindung. Leider konnte man es von ihrer Familie nicht sagen. Da gab es viele Missverständnisse, Neid und Eifersucht, wie es halt in Familien oft so ist. Aber sie war so gut wie nie alleine. Irgendwann war ich dann wieder zuhause, sie auch kurz und natürlich blieben wir in Kontakt und ich fuhr sie besuchen. Da hatte sie schon Probleme mit dem Laufen, ganz viel Wasser in den Beinen, das kam richtig raus. Sie hatte einen Termin für eine CT und ich hatte Zeit und der Plan war, sie kommt früher mit der Taxe , wir gehen frühstücken und dann begleite ich sie in die Radiologie. Allein ist irgendwie doof. Es ist schöner, wenn jemand dabei ist, der nachvollziehen kann worum es eigentlich geht. Sie hatte so schlimme Füße, das Wasser kam raus, es passten nur noch Strümpfe drüber und jeder Schritt war eine Qual. Ich habe sie nie klagen hören, höchstens mal sauer, was das denn nun wieder für ein Mist ist. Sie war geduldig, immer zu allen und jeden freundlich, unglaublich. Ich habe sie bewundert. In der Radiologie haben sie dann nach weiteren Metas geforscht und weil sie über Hüftschmerzen klagte, haben sie auch da genauer geguckt.  Und sind leider fündig geworden. Die Metas waren überall und nirgends. Das war das einzige Mal wo ich sie hab weinen gesehen, ich natürlich gleich mit, sie sagte, sie könne nicht mehr kämpfen. Okay, also Planänderung. Es ist wie es ist, weiterleben, bestrahlen lassen, ihn dort weiter wohnen lassen aber ihm mental klarmachen: du gewinnst hier nicht.

Als nächstes erhielt ich die Info, Conchita ist wieder im Krankenhaus. Wir versuchten alle, sie so wenig wie möglich allein zu lassen. Als sie Probleme mit Hirnmetas bekam, hatte ich das erste Mal eine wage Ahnung, das geht nicht gut. Egal wie schlecht es ihr ging, sie wollte zur Bestrahlung, fragte nach weiterer Chemo und ließ den Gedanken nicht zu, es gut sein zu lassen. Wir, glaube ich, aber auch nicht. Aber die Hirnmetas machten es schwer. Einmal fiel ihr was nicht ein und sie sagte, ich glaube eine Met hängt. Wir haben so gelacht, kam eine Schwester und fragte was wir feiern ……….. und lachte mit. Ja, sie hatten auf der Station alle ein Gefühl für die Dinge und für Conchita. Egal wie scheiße es ihr ging, sie lächelte, war höflich und nett, ich weiß nicht, woher sie diese Kraft hatte.

Die Hirnmetas nahmen so viel Besitz von ihr, dass es zu sehend schwierig wurde, ohne Morphin zu nehmen. Aber ihr Wille war unglaublich. 2 Wochen bevor Doofkrebs 1:0 siegte, erfuhr sie durch eine Verkettung saublöder Zufälle, dass Ärzte gesagte hatten, es geht vielleicht noch 2 Wochen. Die mussten alle bei ihr antanzen und genau erklären, was sie wüssten, wie sie dazu kommen und was das soll. Ich saß neben ihr im Bett und sie hielt meine Hand, daran merkte ich wie bewegt sie war, äußerlich ging sie aber mit denen ins Gericht. Alle haben ihr Rede und Antwort gestanden, keiner hat sich gedrückt. Respekt.

Ich bekam dann einmal einen Anruf, es sieht nicht gut aus, ich solle kommen. Das war auf der Geburtstagsfeier meiner Mutter. Sie kriegte aber irgendwie die Kurve und wunderte sich, warum wir alle dauernd da waren. Eine Woche später kam abends der nächste Anruf. Sie war die Tage schon kaum bis gar nicht ansprechbar. Ihre Freundinnen und Kollegen blieben so bis, ich weiß nicht mehr, 23 Uhr oder Mitternacht und ich fragte Diana ob ich bleiben dürfte. So setzen wir uns rechts und links vom Bett hin und beobachteten sie, haben mit ihr gesprochen, sie gestreichelt, versucht ein bisschen zu schlafen, jeder Atemzug der verzögert kam ließ uns hochschrecken. Es war eine lange Nacht und morgens gegen 5 wurden die Aussetzer mehr und wir warteten gebannt, hofften es geht jetzt schnell, bei jedem neuen Atemzug sagten wir, oh, Conchita, lass es gut sein, aber sie kämpfte bis zum letzten. Und dann hatte der mutigste Mensch der mir jemals begegnet ist, die stärkste Frau, die ich jemals gekannt habe, den Kampf gegen Doofbrustkrebs verloren. Und in ihrem Gesicht stand geschrieben: wie jetzt, das war es wohl ?

Wir blieben noch bei ihr bis die Eltern kamen und es war ein wunderschöner Sonnenaufgang, die Vögel waren laut, die Stadt wurde wach und Conchita war nicht mehr da. Es war so unwirklich. Ich hoffe, dass ich nur halb soviel Mut und Kraft und Würde habe sollte er mich erwischen. Du hast die Latte so hoch gesetzt. Ich vermisse dich.

Es war mir eine verdammte Ehre bei dir zu sein.

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4 Gedanken zu “Es ist unmöglich sagte die Tatsache, versuch es, flüsterte der Traum

  1. Ich sitze hier und bin emotional total ergriffen.
    Das Leben verlangt von uns oft, dass wir Sachen wegstecken…..
    für die wir gar keine Taschen haben!

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