Es zieht sich

Die ersten 4 Chemos habe ich ganz gut vertragen. Zumindest war mir eigentlich nie schlecht bis auf einmal. Ich sollte mir dann ein Rezept für Tropfen holen, die wären so toll, die Übelkeit ginge sofort weg. Gesagt, getan und was soll ich sagen, ich habe die genommen und musste mich dermaßen übergeben wie noch nie. Das 1. und einzige Mal. Hab die dann sofort weiter verschenkt und irgendwer erzählte ein paar Wochen später, die seien vom Markt genommen. Na Gott sei Dank aber auch.

Das wichtigste Wort in dieser Zeit hieß Leukozyten. Ohne die ging gar nichts. Waren die zu niedrig, gab’s kein Aperol. Mehrere Tage nach der Chemo rutschten die in den Keller und so Ende der 2. bis Anfang der 3. Woche fingen sie wieder an zu steigen, das war der Plan. Aber leider ging der bei vielen nicht wirklich auf. Da hatte ich mal wieder Glück. Mein Immunsystem ist Dreck und Bakterien jeglicher Sorte gewöhnt. Mit ohne Arme bzw. ein paar Fingern an der Schulter, nutzt man zwangsläufig den Mund oder/und die Zähne um was festzuhalten. Das geht automatisch, ich habe mal versucht bewusst darauf zu achten, wie oft, aber das war eigentlich immer. Jedenfalls knallten meine Leukos nicht tiefer ab als sie durften. Einige hatten Pech und mussten dann wieder heim wenn die Werte nicht passten. Zu Anfang habe ich auch aufgepasst, keine Türklinken anfassen, um Himmels Willen keinen Einkaufswagen, so einer ist wohl die Mutter aller todbringenden Bakterien, keine Menschenansammlungen, möglichst keine Krankenhäuser und Pflegeheime besuchen. Leider habe ich mich davon auch erst mal mitreißen lassen, das tut mir heute noch leid. Seit längerer Zeit hatte ich eine Begleitung im Altenheim einer demenzkranken Frau. Ich arbeite seit ein paar Jahren ehrenamtlich für den Hospizverein in der Sterbebegleitung. Weil die docs nun sagte, nein, das ist schlecht, gerade in Heimen wegen der Keime etc., habe ich die Begleitung abgegeben und war nicht da als sie verstorben ist. Das würde ich heute definitiv anders machen. Aber man saugt ja erst mal alles so auf was einem gesagt wird und sortiert dann im Laufe der Zeit was übertrieben ist oder sinnlos oder was weiß ich. Außerdem ist man auch erst mit der Zeit wesentlich entspannter. Manche Dinge sind eben so wie sie sind. Zu den Leukos wieder: dafür reichte ein kleines Blutbild beim Hausarzt. Das ging bei mir natürlich nicht wirklich, denn meine kleine arme Ader oder Vene am Arm erlaubte das nur alle 8 Wochen. Also war der Plan, kleines Blutbild geht ja über Fingerkuppe, einfach direkt ins Labor fahren, dort reinstechen, 10 Minuten warten und zur Arbeit mit aktuellen Leukos. Ich wollte ja immer wissen ob ich chemokompatibel war oder nicht. Also Werte ins Brustzentrum gemailt oder gefaxt, alles gut. Das hat mir immer Zeit gespart. Am Chemotag im Krankenhaus wäre das auch gegangen aber mit anstellen im Labor. Je nachdem was die zu tun hatten – das konnte dauern. Bis da jemand hoch auf Station kam war mein Zeug aus der Apotheke da und ich konnte, wenns gut lief, zum Mittagessen an der Arbeit sein. Je nachdem.

Klingt alles super easy und:  wir behandeln mal gerade Doofkrebs aber sonst läuft es blendend. Jaaaaaaa, war auch so bis zum Bergfest. Nach dem 4. Zyklus war Schluss mit Aperol. Ab da schlängelte sich ein durchsichtiges Gebräu, genannt doc, gepaart mit einem Schluck Herceptin durch meinen Körper. Und irgendwie war Schluss mit lustig. Das fing schon an, dass das Zeug die Nerven schädigt und man tiefgefrorene Handschuhe an kriegt und Eispads auf die Füße. Damit sollen sich die Nervenenden zusammenziehen und nicht geschädigt werden. Das in der Theorie, an der Praxis muss man noch arbeiten. Ach du Alarm, da war sogar mir kalt. Sämtliche nicht vorhandenen Haare standen gerade. Irgendwann reagiert der Körper natürlich auf die volle Ladung Chemie. Das Zeug war jedenfalls ätzend. Dienstags Chemo, da war ich super drauf, voller Tatendrang, alles gut. Es ist ein arbeitgeberfreundliches Gebräu, denn Freitags Punkt 12 kippte der Schalter. Frieren, zittern, Kopfschmerzen und all sowas kam von 0 auf 100. Das dauerte dann das Wochenende und meistens bin ich wieder erst am Mittwoch an die Arbeit, sonst homeoffice. So ein zittriges Gefühl blieb dann die ganze Woche, in der 2. war es schon okay und kaum hatte man das Gefühl, ja, wo ist der Baum den ich ausreißen kann, schon war wieder Chemodienstag. Das Blöde war auch der Geschmack. Wir haben immer diskutiert, nach welcher Art Metall das nun gerade mal schmeckt. Irgendwann hatten auch die Schleimhäute keine Lust mehr und wenn man morgens aufgewacht ist, klebte die Zunge irgendwo im Mund wie mit Uhu befestigt und von dem Geschmack will ich lieber mal gar nicht reden. Das steigerte sich natürlich von Mal zu Mal. Aber ich war so oft wie möglich an der Arbeit. Das hat mir gutgetan. Einmal die Ablenkung, dann war es für den Kreislauf besser, daheim hätte ich gelegen und mich ev. ein bisschen bemitleidet, aber da hatte ich keine Zeit. Das ist natürlich bei jedem anders, für mich war jedenfalls das Hochsein besser. Im Nachhinein muss ich schon sagen, die Zeit verging schnell. Ich lernte immer neue Mädels kennen und fühlte mich echt wie ein alter Hase. Und irgendwie war es eine schöne und intensive Zeit und alle Ärztinnen und Schwestern waren wirklich klasse.  Natürlich mag man den einen mehr oder weniger, das ist wie im richtigen Leben, aber es ist wirklich eine Zeit, an die ich, sieht man ab von Doofkrebs, sehr gerne zurückdenke. Die letzte Chemo wurde natürlich entsprechend gefeiert, ich habe zwar nichts geschmeckt und alles klebte zusammen, aber so einen lecker Caipirinha ging immer. Das hieß jetzt aber nicht, dass alles vorbei war. Im 3 Wochen Rhythmus ging es weiter nur mit Herceptin. Für ein Jahr.  Zwischenzeitlich wurde ich gefragt ob ich an einer Studie teilnehmen wollte, da wäre mein Tumor genau passend. Das hieße zzgl. zum Herceptin kommt noch ein anders Mittel dazu, eine sogenannte Minichemo, es sollte rausgefunden werden, ob das Zeug den Rückfall verzögert, ev. das Überleben signifikant verändert und was weiß ich noch alles. Klar machte ich mit, wenn es auch mir vielleicht nicht hilft, vielleicht aber später einer anderen Frau. Wenn keiner teilnimmt kann man auch nicht erwarten, dass sich ständig neue Therapien entwickeln. Und das hilft ja dem Plan. Keiner stirbt mehr an Doofbrustkrebs.

 

 

 

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