Chemozeit

Also die Chemotherapie hat ja wirklich einen schlechten Ruf. Sieht man im Fernsehen einen Krebskranken bei Chemo, muss der ausgemergelt aussehen, blaß, riesen Augenringe haben und kaum in der Lage sein zu sprechen. Sicher geht es manchen so, ich hatte so einigermaßen Glück und habe zur Strafe jetzt Probleme mit den Kollateralschäden. Wie meine Mutter immer sagte, das kommt auf Feind, Lage und Gelände an. Aber eins nach dem anderen.

Zuerst Chemo und dann OP ? Das ist ja doof, denn man lebt erst mal weiter mit der Gewißheit, dass dies Mistteil weiter in einem wohnt und man keine Ahnung hat, was er so den ganzen lieben langen Tag macht. Aber der Plan war zu sehen wie der Tumor reagiert, denn, operiert man erst, weiß man hinterher nicht wie die Chemo wirkt, ist es die richtige Zusammensetzung oder nützt sie nichts und man verliert Zeit durch die falsche Therapie. Also den Gedanken raus aus dem Kopf und drauf hoffen, dass ihm von der Chemo die Luft ausgeht. Kann nicht jeder gleich gut, es ist nur unbedingt wichtig, sich gegenseitig zu unterstützen und jeden so sein zu lassen wie er ist und welche Möglichkeiten er hat, mit der Diagnose zu leben. Es ist natürlich ein ungeschriebenes Gesetz, wir reden nur über das Überleben, die Zeit nach Behandlung, und dass wir alle in 40 Jahrenn noch da sind. Der Tod muss draußen bleiben, frei nach dem Motto: du kommst hier nit rein. Das Sterben ist einfach keine Option. Punkt, Aus.

Die ersten Chemos habe ich gut vertragen, dass war das Aperol, genauer EC. Es dauerte bis man Chemoakte hatte, erst mal im Sekretariat anstellen, ev. noch Blutbild machen lassen, hoch auf Station, Aperol bestellen lassen, Platz suchen, Port anstechen lassen, dürfen nur Ärzte – keine Ahnung warum -, auf Apotheke warten, schnarch, und ganz wichtig: erst mal frühstücken. Denn Chemo auf nüchternen Magen verträgt kein Mensch. Beim 1. Mal bekommt man die ganzen Medis erklärt, was man wann nehmen muss, gegen Übelkeit und noch irgendwelcher Nebenwirkungen, hab ich irgendwie vergessen was alles. Ich habe mich in dem Krankenhaus immer sehr wohl gefühlt, ne Quatsch, tu ich immer noch, denn jetzt bin ich spätestens alle 3 Monate da, denn ich bin in einer Studie. Die Schwestern auf Station sind toll und lieb und nett und lustig, die Ärztinnen auch und die 3 Damen von der Tankstelle (Sekretariat) auch. Da kann man auch mal nen Scherz machen und man kriegt immer geholfen. Der Job ist defintiv nicht ohne. Die Mädels fangen erst mal alles ab an Befindlichkeiten der Patienten. Manche haben Angst, manchen geht es schlecht, manche sind schlecht gelaunt, das ist schon nicht ohne. Zu der Zeit habe ich mich im Wartebereich immer unterhalten und nicht so drauf geachtet. Heute kann ich schon von 10 Metern Entfernung sagen, wer neu ist – verkrampfte Haltung, Anspannung im Gesicht – und wer ein unserer alten Hasen ist wie ich, sagte letztens eine Oberärztin zu mir, stimmt, die Zeit vergeht. Jedenfalls, hätte mal jemand zu mir gesagt ich würde ein Krankenhaus mögen, hätte ich dem damals wahrscheinlich den Puls gefühlt. Ich und Ärzte, geht gar nicht. Aber ich muss es zugeben, wenn auch ungern, ich fühle mich dort wohl. Da ja nun nix an Nebenwirkungen kam, habe ich schön weiter gearbeitet. Mir hat das geholfen, denn ich habe einfach nicht über Doofkrebs nachgedacht. Die Zyklen hatten bei mir einen Abstand von 3 Wochen, zwischen der 2. und 3. Chemo wurde dann mal nachgesehen, wie das Schätzchen denn so auf die Dröhnung Chemie reagiert hat. Und, echt geniales Gefühl, er war schon wesentlich kleiner. Das hieß, die Medis sind die richtigen und ich freute mich auf die nächste Sitzung. Okay, später ließ die Freude dann auch nach aber erst mal feiern.

Doofkrebs welcher Art auch immer ist ja nun nicht unbedingt ein Thema, über das die Leute gerne reden. Was Krebs? Nee, haben nur die Anderen, will ich mich gar nicht mit befassen. Leider hatten meine Kollegen diese Option nie. Ich musste immer alles loswerden und habe erzählt. Der eine oder andere war bestimmt davon nicht angetan und es war interessant, manche Leute sahen mich kommen und mussten dringend kurzfristig abbiegen. Ist okay, nur manchmal erstaunlich, weil man andere Reaktionen erwartet hatte. Ich habe dann bei uns auf dem Flur in jedem Büro kundgetan, dass ich Doofkrebs habe, bevor der Buschfunk wieder irgendwelchen Kack trommelte. Es hat eine Zeit gedauert aber nach und nach kamen die Kollegen, auch welche mit denen ich nichts zu tun hatte und fragten oder erzählten, ja, meine Mutter, Schwester, Tante, Onkel….. haben auch Krebs. Warum soll man sich verstecken. Es kann jederzeit jeden treffen. Wie sang die EAV:  Das Böse ist immer und überall.

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