Neues T-Shirt ….?

 

Also im Moment bin ich umgeben von Leuten, die es gut mit mir meinen. Das ist ja echt nett. Aber leider ist nett manchmal die kleine Schwester von Scheiße. Ich hab jetzt schon 2 Teile geschenkt bekommen, auf denen irgendwas von survivor steht, statt fighter. Und es ist so toll, ich hab nächsten Monat 5 Jahre Krebsdiagnose überlebt und bin jetzt ein survivor und muss mir unnnnnnnnbedingt nen neues Shirt dafür kaufen. Ja, ganz toll…… natürlich finde ich das klasse, dass ich noch lebe – und auch nicht so schlecht lebe, aber Leute, hört endlich mit dem 5 Jahre Gelaber auf, mag ev. bei der ein oder anderen Krebsart ganz zu Beginn stimmen, aber letztendlich gilt dieses Datum nur dafür, um den Betroffenen nach 5 Jahren und 10 Minuten den Schwerbehindertenausweis wieder abzunehmen. Ha, nicht mit mir, ich hab einen eigenen über 100 % ohne fuck cancer, ätsch.

Also tun wir so als ob ich am 18.12.18 gegen Mittag geheilt bin. Das heißt in der Theorie, alles ist gut, die Chemo ist aus dem Körper raus und ich bin wieder voll einsatzfähig, belastbar und glücklich, falls ich es vorher war……. In viel Fällen klappt das schon mal deshalb nicht, weil du als Krebsi geldmäßig hinten runter fällst, Alleinstehende sowieso, wenns richtig dumm läuft verlierst du deine Existenz incl. Wohnung usw. . Na klar, du hast survived, aber um welchen Preis? Ja klar, Leben, Aber sooooo einfach ist es nun auch nicht.

Nehmen wir mal das Gute aus den letzten 5 Jahren, nur bezogen auf Doofkrebs natürlich: Ich weiß was ich alles kann, ich achte mehr auf mich, ich habe nen Haufen tolle Menschen kennengelernt, ich bin empathischer – wehe einer grinst – , ich halt mich nicht mehr soviel mit unnötigem Mist auf, ich unternehme mehr, arbeite weniger und es ist mir relativ egal wie viel Leute mich kacke finden. Alles in Allem schon mal cool.

Nun zu dem Mist: ich könnte 5 x am Tag im Stehen einschlafen, meine Füße brennen, meine Knochen tun weh, die Zehen sind taub, zumindest rechts, ich kann nicht mehr lange laufen, okay, war jetzt eh nicht meins, entweder krieg ich Durchfall oder Verstopfung, meine Feinmotorik und das Balancehalten ist manchmal abenteuerlich, Luft krieg ich auch schlechter, Polyneuropathie, nen Haufen Kohle für die Zähne ist auch weg und natürlich das Chemobrain, Alter, was ich mir alles aufschreiben muss, nur um nicht mehr zu wissen, wo ich den Zettel hingelegt habe………… das sind mal so einige Dinge. Dass ich zu den wenigen gehören, wo die Haare keine Lust mehr auf Tageslicht haben ist ja nun mal nicht so mein Problem, eher, welche der gerade 11 vorhandenen Perücken passt zur Klamotte. Surviven ist eben nicht mal gerade nebenbei abzuarbeiten, man muss echt kerngesund sein. Aber ich kann flüssig und locker Diagnosen und Medikamente unters Volk streuen von denen ich vor 5 Jahren nicht wusste, das es sie gibt. Kommt echt professionell.

Und eben das kann zum Problem werden. Es fühlt sich an, als ….. Quatsch, ich fühle mich wie auf einem Berggipfel, die Aussicht ist je nach Gemütslage sonnig oder trüb. Das Zauberwort heißt Balance halten. Ich kann zu beiden Seiten jederzeit runterfallen. Es ist manchmal einfach das Gleichgewicht zu halten und manchmal geht es kaum. Ich liege immer auf der Lauer und beobachte meine Befindlichkeiten, hm, da tat es gestern noch nicht weh, warum ist mir jetzt schwindelig, warum fallen mir auf dem Klo die Augen zu…. und dann les ich ein bisschen in meinen Gruppen, es passiert, dass jemand stirbt, Andere kriegen Rezidive und Metastasen und erzählen, wie das festgestellt wurde.  Und prompt sind das Alles genau meine Symptome, aber haaaaaaargenau. Lese ich das Wort Hirnmetastase krieg ich Kopfschmerzen, es ist echt unglaublich, was so ein fuck cancer mit einem macht. Und wenn ich dann nachts in soner Phase wach bin erfinde ich schon meine Trauerrede, ey, ich weiß ja wohl am besten wie mein Leben war. Spätestens dann frag ich mich ob ich sie noch alle habe, mal die Bälle flachhalten und nicht so rumjammern. Gott sei Dank fehlt mir noch nicht die Motivation mich da an den nicht vorhandenen Haaren rauszuziehen. Aber manchmal bedauer ich mich sowas von, muss auch mal sein………….  Es geht aber auch andersrum, hier tuts weh, da auch, die Leberwerte und andere sind kacke, mir ist schlecht, vertrag dieses und jenes plötzlich nicht, ja und? Hallo! Ich hatte Krebs und bin Ende 50, normale Materialermüdung, Nicht beachten, noch ein kleine Opiat drauf und schon geht’s weiter. Völlig easy.

Und das ist es weshalb ich echt angepisst auf fuck cancer bin, mir fehlt so sehr das Gefühl des grenzenloses Vertrauens in mich wie früher. Ich hab nie nachgedacht, kann ich das oder lieber nicht? Was kann mir schon passieren. Es trifft doch immer nur die Anderen. Die Balance zu halten, hm, wie viel Schmerzmittel nehm ich, so dass ich noch unterscheiden kann, Schmerzen wie immer? oder anders? Diese richtige Grundentspannung fehlt mir, ich liege ständig auf der Lauer. Surviven ist echt nichts für Feiglinge und so viele machen das echt toll. Ich krieg öfter mal zu hören, es ist jetzt mal gut, du siehst gut aus und du kannst doch alles ………… deshalb hab ich echt viele Bekannte mittlerweile mit fuck cancer, es ist einfach entspannender mit Menschen zu reden, denen ich meine Befindlichkeiten nicht erklären muss. Genau wie bei meinem Orthopäden, der kennt Contis sein Leben lang und dem muss ich nicht erklären, dass das scheiße ist, dass ich das Bein gerade nicht dahin kriege wo ich es brauche.

Ab morgen geht’s los, ich weiß noch gar nicht ob ich unfallfrei 5 Jahre surviven werde. Morgen ist MRT und Mammografie, im restlichen Monat kommen noch Knochenszintigrafie, Innenraumsono und MRT, Studiennachsorge, Kardiologe dazu. Ich könnte also schon morgen mal ein paar Daumen brauchen. Ich will noch ein bisschen surviven. Und am 18.12. lassen wir es dann krachen, falls alles soweit auf grün ist, aber erst ab mittags wenn ich geheilt bin. Yeah…

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Manchmal….

…… gibt es Tage im Leben, die sind einfach genial. Im Moment genieße ich solche. Ich bin gestern und heute jeweils 6 bis 7 km gelaufen. Jaaaaa, natürlich weiß ich, dass das jetzt keine Schlagseite in der Bild bekommt, aber……letzten Mittwoch war ich im CT und mir wurde an 2 Stellen im Rücken der jeweilige Nerv durch Cortison und Schmerzmittel schlafen gelegt. Ich kann nicht beschreiben wie irre das ist, dass ich mich seit über 5 Jahren mal wieder bewegen kann. Und nicht nur bewegen, ich kann laufen und vor allem stehen. Bis letzten Dienstag war das ganz schlecht möglich. Nach 20 Metern dachte ich, der Rücken bricht durch, also stehen bleiben und möglichst setzen oder anlehnen.  Dann weiter, anhalten, setzen usw. . Das macht einen irre, und die Leute die mitkommen übrigens auch. Beim Anziehen morgens, einfach mal nach vorne beugen oder aufstehen ohne Anlauf oder ins Auto steigen ohne Schmerzen. Ich hatte das Gefühl völlig verdrängt. Ich weiß, wenn man das nicht kennt kann man es nicht nachvollziehen,  ey glaubt mir, es ist sooooo geil. Und das ist genau das,  was ich gerade brauche.

Das Leben versucht im Moment mal wieder, mich mit all möglichen Scheiß zu ärgern. Die Blutwerte machen blöd, das Knie ist der Meinung, es benötigt dringend mehr Aufmerksamkeit und ich habe Stress,  den ich mir wahrscheinlich selber mache. Was mich auch immer runterhaut ……. gerade ist mal alles gut und plötzlich stirbt eine Bekannte einfach mal so. Da denkste echt das kann nicht wahr sein, was denkt sich das Leben eigentlich? Manchmal glaube ich, ich bin mit dem Leben verwandt. Ich denke mir nämlich auch nix eigentlich. Wobei ich wieder Hildegard Knef bemühen muss, denken schadet der Illusion. Im Moment ist der Plan einfach mal genießen,  wer weiß, wie lange die Blockade noch hält.  Ich nehm dann mal alles mit was geht. Deswegen bin ich gerade,  nach einem coolen Wochenende in Berlin, ein paar Tage mit einer Freundin an der Ostsee. Ich kann ohne Ostsee nicht wirklich leben, einfach mal in der Sonne sitzen und genießen und einfach mal dankbar sein. Für alles was geht ….. und lecker essen und den ein oder anderen Cocktail……. ja, es könnte mir schlechter gehen. Also einfach mal Fresse halten und freuen, dass ich meinen Hintern noch allein aus dem Bett kriege….

Wollte ich einfach nur mal sagen, ich bin jetzt mal bereit ein paar Tage das Hirn durchpusten zu lassen. Hätte mir mal einer gesagt früher, ich freu mich wie über mein Weihnachtsgeschenk von 19 hundertweißichnichtmehr (nen Stoffhund wie Lassie), nur darüber   dass ich laufen kann, hätte ich gedacht, egal was der nimmt, er verträgt es nicht. Ich bin immer noch der Meinung , wenn ich laufen sollte, wofür gibt es Autos ????? Aber mit diesen ewigen Schmerzen. … macht keinen Spass.

Kurz gesagt, einfach mal schöne Grüße von der Ostsee.  Coole Leute hier, die schaffen es, völlig unbeteiligt zu gucken wenn ich als Kurzarmer ohne Haare im Schwimmbad die Tiefe von 1,80 ansteuere. Respekt😃

 

Fußball-WM, Hitze oder was …?

Irgendwie hatte ich in letzter Zeit keinen Nerv auf nichts, irgendwas ist immer und momentan ist das Leben mal gerade wieder über meinen Namen gestolpert und dachte sich, so, die Alte nervst du mal wieder. Wirklich nett, dass ich nicht vergessen werde, aber ich denke, ab morgen gebe ich die Arschkarte weiter. Jetzt muss ich mich erst mal updaten was hier so Plan ist.

So besondere Ereignisse, da erinnert man sich ja immer wo man war oder so. Bei der letzten WM in 2014 lag ich gerade im Krankenhaus und die letzten ev. vorhandenen hinterhältigen Krebszellen wurden äußerst großzügig aus meiner linken Brust entfernt. Als ich letzten im Krankenhaus war, sagte eine der Schwester im Chemozimmer – ich hatte mal kurz Hallo gesagt und Allen gute Wünsche hinterlassen –  zu einer ziemlich traurig aussehenden Frau, das ist Frau Kuhnt, wir haben vor 4 Jahren zusammen das Endspiel hier auf der Station gesehen…………… diese Info bewirkte bei der Frau ein leichtes Lächeln, was ? vor 4 Jahren ? und man sah unausgesprochen: sie lebt noch, das kann ich auch. Das hat mich emotional echt berührt, gleichzeitig dachte ich: waaaaassss ?  4 Jahre ? wo sind die hin und hat es dir heute morgen nicht an einer Stelle wehgetan, wo sonst nix war ? Grübel ……. das ist nämlich das hinterhältige an meinem Her2 dingens, der oder seine ausgesandten Zellen kann/können sich erst mal in Ruhe ein ruhiges Plätzchen suchen und wenn die Langeweile zu groß wird, sehen wir mal wie es sich zum Beispiel so als kleine Metastase in den Knochen lebt. Die ersten Jahre freut man sich, oft schlägt er nach 1 oder 2 Jahren wieder zu und man denkt, ja, klasse …………… aber je mehr Zeit vergeht, desto achtsamer wird man, mit Glück entwickelt man sich nicht zum Hypochonder. Ich schreibe man, weil ich das von anderen auch kenne, aber natürlich rede ich von mir. Letzten Monat z.B. war ich beim Hautarzt wegen:  lassen Sie mal die komische Stelle an der Nase untersuchen, man weiß ja nie ………. Ehrlich, vor Doofkrebs wäre ich niemals auf die Idee gekommen, wegen so was zum Arzt zu laufen. Na gut, also hin, schnellen Termin bekommen trotz Kassenpatient, ne, kein Grund zur Aufregung und überhaupt, Ende des Jahres haben Sie doch 5 Jahre geschafft, dann sind Sie doch eigentlich geheilt. Eine Vollbremsung und eine 10minütige Abhandlung später hat er mir hoch und heilig versprochen, nie wieder zu verbreiten, dass man mit welchem Krebs auch immer nach 5 Jahren geheilt ist. Ärzte sind bekanntlich auch nur Menschen und man muss jeden da abholen wo er ist.  Er war echt dankbar.

Wie auch immer, ich konnte ja schon seit Wochen keine Treppe mehr richtig laufen, nur immer die Stufen einzeln. Knie und Rücken taten weh ohne Ende und dann hab ich mich selbst erledigt. Telefon klingelte und ich trat auf die Katzenbürste, ja da gehört sie auch nicht hin, und machte einen Ausfallschritt und drehte das Knie ………. ich wusste nicht soll ich zuerst umfallen, mich übergeben oder in die Hose machen. Ich hab mich für das Umfallen entschieden. Nach gefühlten 30 Minuten hab ich dann versucht wieder hochzukommen, über den Teppich gerollt, Richtung Sofa. Es ist erstaunlich, was Alles geht, wenn man sich vorstellt, dass man nur mit Slip bekleidet und ungeduscht vom ASB aufgesammelt werden muss. Jedenfalls habe ich es hoch geschafft, Sonntag natürlich, und hab mich dann nicht mehr bewegt. Montags Unfallarzt, erst mal Zinkleim wegen Schwellung und nicht bewegen oder nur auf Krücken, falls man Arme hat.

Okay, wenn jetzt nicht der richtige Zeitpunkt war die ganzen Schmerzen mal genauer zu analysieren……. MRT LWS und Knie waren der Plan. Ich hab dann überlegt, wie reagierst du wenn einer sagt, Fr. Kuhnt, da ist etwas in den Knochen, eine Auffälligkeit, wie Ärzte so nett sagen. Gedanke im Hinterkopf, ne, das passiert nicht, soviel Pech kannst du ja nicht haben……….. Hallo, wieso nicht, bist du doof.  Es machte mich echt rappelig im Hirn. Obwohl es nicht mit der Angst vorm Tod was zu tun hatte, ich hab keine Angst, es war mehr so das Gefühl von nein, nicht wieder den ganzen Scheiß mit noch mehr Nebenwirkungen, es ist eh wie mit der besagten Pralinenschachtel von Forrest Gump. Das war die Theorie. Am Tag der Praxis war es wie immer, in dem Moment wenn ich warte freut sich mein Darmtrakt. Warten ist scheiße, die beiden Untersuchungen hintereinander, damit hab ich keine Probleme. Dann wieder warten, das warten auf Befund ist einfach nur oberätzend. Ich würde nie irgendwo hingehen, wo ich hinterher keine erste Aussage kriege. Das empfinde ich als Folter.

An dem Tag habe ich etwas Wichtiges über mich gelernt, Die Radiologin sagte: Ich habe keine gute Nachricht für Sie. Ich fragte sofort: wie viel und wo? Wie viel was ist wo? kam zurück. Ich: was – Sie: was …….. wovon reden wir hier? Ich: Metatastasen? Sie: nein, um Gottes Willen, das habe ich doch nicht gesagt. Hallo, was denkt man denn als Krebsi??? Erstaunlicherweise hatte ich keinen Aufregungsdurchfall, keine Schnappatmung oder so, nur dies Gefühl von : och neeeeeee, ich will nicht. Ich glaube, ich bin stolz auf mich, ich dachte wirklich für einen Moment jetzt isses soweit, aber dann ist es eben so. Nachdem das nun geklärt war, zeigte Sie mir anhand der Bilder, dass das Knie und die Wirbelsäule beides Totalschäden sind. Ich muss zugeben, ich habe mich fast ein bisschen gefreut. Ich merk nur im Alltag, dass solche Situationen nicht in den Klamotten hängen bleiben. Ich bin echt genervter und nicht mehr tolerant Menschen gegenüber, die mir auf den Sack gehen, is leider so.

Und nun? Ich habe erst mal die Befunde mehrfach kopiert und großzügig an die wichtigsten Menschen in meinem Leben verteilt: Mein Chirurg, mein Orthopäde, mein Osteopath, mein Krankengmnast und meine Feldenkraistherapeutin. Und weil ich noch Kopien habe, beschenke ich meinen Neurochirurgen auch noch, der hat schon einmal vor 10 Jahren in meiner Wirbelsäule aufgeräumt. Und dann sehen wir was zu tun ist, so kanns nicht bleiben.  Ich bin mittlerweile bei einem Opiat als Schmerzmittel, das haut zwar rein aber ich merke dann Veränderungen nicht mehr wirklich und ich hasse Medikamente, die machen blöd im Kopf und beim Auto fahren und in Alkohol macht es auch keinen Spass.

Man kann eben nichts dagegen machen, der Körper und das Hirn haben ein Eigenleben und reagieren verschieden, natürlich weiß ich, es kann mich jederzeit wieder erwischen, und zwar noch viel schlimmer, natürlich befasse ich mich mit dem Tod. Er ist um mich rum, in meinem privaten Umfeld lauert er, in meinen Gruppen bei Facebook gibt es so unendlich viele Leute die es erwischt und keiner lässt sich unterkriegen, ich bin so stolz auf euch Alle. Fuck cancer ohne Ende ………. wir sind echt Alle toll.

Ich wurde gefragt, was möchtest du noch tun bevor du stirbst? Ich hab ewig nachgedacht, aber eigentlich gibt es nichts, das so wichtig wäre, dass es unbedingt sein müsste. Irgendwie bin ich im Moment total bei mir, deswegen ist vielleicht auch nicht so viel Platz für Andere ……… natürlich für die Wichtigsten immer. Irgendwie hab ich mich gerade mal neu sortiert, ist spannend, mal sehen wie es weitergeht.

 

Normale Härte

Irgendwie rennt die Zeit und damit hat sie mir definitiv was voraus. Ich werde immer lahmer, es tut mir immer mehr weh, ich reagiere zunehmend gereizter, kurz gesagt, lebte ich in Amerika, ich wäre bestimmt bewaffnet.
In der letzten Zeit scheint das aber auch schon Fremden aufzufallen. Ich steh am Obststand und zerre mir ne Tüte von der Rolle, klappt eigentlich super, mittig anfassen und dann ein Ruck und beide Enden reißen ordentlich ab und dann Tüte zwischen Lippen und 2 Fingern reiben, die klebt ja wie blöd zusammen ………….. alles prima, klappt, manchmal besser als bei Langarmern. In dem Moment wo ich denke, ha, haste echt elegant hingekriegt, reißt mir eine etwas ältere Dame die Tüte aus der Hand, natürlich ohne zu gucken ob da einer meiner letzten Finger drinsteckt und sagt: ich gucke Ihnen schon die ganze Zeit zu wie sie sich soooooooooooo quälen, ich mach das mal für Sie! Ich hab erst mal verständnislos meinem Ring hinterhergeguckt, den sie mir samt Tüte vom Finger gerissen hat und mehr als: Äh, mein Ring ……. mehr fiel mir erstmal nicht ein. Jeder ordentlich Behinderte weiß, es gibt nur 2 Möglichkeiten aus dieser Nummer rauszukommen. Augen zu und durch, dankbar lächeln oder endlose Diskussionen bei denen du eh verlierst und dann noch der undankbare Behinderte bist. Kommt bei mir auf Tagesbefindlichkeit an. Also Augen zu, 21 …. 22 … 23 und nett lächeln und sagen, danke, das ist nett, es geht aber alleine recht gut. Nein, ich helfe Ihnen jetzt, warten Sie, ich suche Ihnen die saftigsten Pflaumen raus, 6 Stück, die reichen. Tüte zu und in meinen Korb. Ich hatte vorher schon bei Bananen geguckt. Ach, und Bananen. 3 abgerissen, die schmecken gut, kauf ich auch immer. Ich merkte langsam, dass meine Frustationstoleranz einen mm vorm aus war und sagte laut und deutlich und nett, dass ich gerne meinen Einkauf alleine machen würde. Und ich möchte auch nur grüne Bananen und die hellen Pflaumen die noch fest sind und legte beides zurück. Da will man nur helfen und dann bin ich so undankbar. Empört rauschte sie ab. Was mich am meisten ärgert bin ich aber selbst. Ich fand mich sooooo toll, alles klappte bevor die Tante ankam und schon versaut mir ihr Ausdruck, dass ich mich „quäle“ die Laune. Um mal Dieter Nuhr zu bemühen: Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal Fresse halten. Ich glaube, ich kauf mir so ein T-Shirt. Ich weiß, es war gut gemeint, aber die Wahrheit ist, das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Punkt aus.
Natürlich macht es mir manchmal auch Spass, ich gebe es zu. Ich komme ins Wartezimmer zur Vorbesprechung der Darmspiegelung. U.a. sitzt da eine jüngere Frau mit 2 Kindern, eins wohl gerade 1. Klasse, das andere noch Kindergarten. Also völlig normale Reaktion, aufhören zu spielen, stehenbleiben, Mund offen und gucken. Ich gelächelt und „Hallo Ihr 2“ gesagt. Mach ich aber nur wenn ich gut drauf bin, manchmal setze ich mich auch nur, ich hab nicht immer Bock auf Leute. Jedenfalls „flüsterte“ die Frau in einer Lautstärke, das konnte man wahrscheinlich draußen im Aufzug noch hören…… Guckt da nicht so hin, kommt sofort her. Okay, ich war gut drauf und sagte: och, lasen Sie die Kinder doch gucken ….. dreh mich zu denen und sage: ich seh auch echt komisch aus, nee? Ja, du hast aber komische Arme. Hast du auch noch lange? Der Mutter war das oberpeinlich, ich sagte, nee, ich bin so geboren, ist aber nicht schlimm, es gibt so viele verschiedene Menschen, du hast braune Haare, deine Schwester ist blond, manche haben dunkle Haut usw. usw.. Die Mutter hätte mich am liebsten gewürgt, meinte dann aber auch was sagen zu müssen und guckte mich an und sagte: Ja, die Frau hat recht, und es gibt eben auch Menschen, die sind krank. Dieser Stallvorlage konnte ich unmöglich widerstehen, lächelte und sagte: och, das tut mir leid, dass Sie krank sind, ich bin behindert. In dem Moment wurde ich aufgerufen, echt geiler Abgang.
Jedenfalls war ich gestern in der Stadt und musste mich alle gefühlten 10 Meter hinsetzen. Mir tut das komplette Fahrgestell weh, ich muss mir echt was einfallen lassen im Bezug auf Schmerzmittel. Ich hasse es, vor allem diese scheiß Polyneuropathien in den Füßen. Ich latsche völlig unsicher und Rolltreppen hasse ich mittlerweile. Dann traf ich auch noch nen alten Freund der mich fragte, warum und seit wann ich so scheiße laufen würde. Das kotzt mich an. Und ich hasse es. Das hat was mit Lebensqualität zu tun. ….. scheiß Kollateralschäden ………………scheiß Contergan …………. Scheiß Erderwärmung ….. scheiß Euro ………
Ach apropos Darmspiegelung. Hätte ich doch beinahe mal wieder vergessen, dass ich ein Krebsi bin. Die war Ende März, da war noch Darmkrebsmonat. Also dachte ich, Vorsorge ist das halbe Überleben….. fragste doch mal beim Vorgespräch ob du die filmen darfst. Nach einem kurzen spinnt die? Gesichtsausdruck, fand der doc dann die Idee dahinter… Leute, es ist nicht schlimm, Krebs ist schlimm, ich zeig euch das mal ohne Narkose … eigentlich gut. Gesagt, getan, also sind Diana und ich da hin, man muss ja auch erstmal jemanden kennen, der son scheiß filmt ohne peinlich berührt zu sein, und hat das Ganze auf Bild festgehalten. Nachdem wir den Film bei facebook und instagram gepostet haben, kennen mich jetzt zwar nen Haufen Leute auch von innen, aber wenn sich nur einer traut zur Spiegelung zu gehen, das wäre cool. Ein paar haben es mir versprochen, muss ich die Tage doch direkt mal nachfragen…….
Was mir definitiv am meisten fehlt, ist dieses Urvertrauen, dass ich immer in mich hatte. Obwohl das manchmal, glaube ich, auch zu viel war. Je mehr ich an vor Krebs denke, desto mehr wird mir klar, dass ich hätte ahnen können und wahrscheinlich auch gemerkt habe, dass irgendwas anfängt schief zu laufen. Aber ich war ja der absoluten Überzeugung, ich bin unkaputtbar. Deswegen habe ich mich auch alles getraut ohne nachzudenken. Im Moment kann ich wegen des blöden schon 2x operierten Knies nur Stufe für Stufe die Treppe runter. Ich achte aus Angst auf jeden Schritt, früher bin ich runtergerast und hab dabei noch nach hinten geguckt. Ich war überall und nirgends ohne nachzudenken. Und heute: kann ich soweit laufen, wie ist da das Klo, sind da Treppen usw. ? Irgendwie bin ich plötzlich behindert, bzw. empfinde das auch manchmal so. Ist ja eigentlich auch okay, bin ich ja auch und ich will mein Leben auf keinen Fall tauschen, aber ein bißchen rumjammern wird ja wohl mal erlaubt sein.
Gestern in der Stadt, ich hatte Termin beim Kontaktlinsenmenschen, der ist nett, kann auch nen blöden Spruch vertragen…….. jedenfalls Linse klappte nicht wegen der Hornhautkrümmung und minus 12 Dioptrien, die Füße und Rücken taten weh, die Tüte war schwer. Im Oktober wird mein Auge operiert, und irgendwie hoffe ich, dass ich nicht noch nen Rückzieher mache vor lauter Angst es geht schief, jedenfalls sagte dieser Freund den ich traf: Ey, jung und schön und gesund zu sterben haste eh verpasst, also mach nicht blöd und wie nen Mädchen. Ich liebe klare Ansagen und ja okay, ich hör mal auf mich anzustellen, das Leben ist schön ………… und solange ich nicht nen Flieger nach Amerika buche, braucht keiner Angst zu haben. Ich auch nicht. Denn Alles wird gut.

Was ne Geburt

Manchmal ist manchmal Alles ätzend und zu viel, doof und überhaupt. Logischerweise, wenn eh Alles doof ist, dann tut Alles noch mehr weh und ich tu mir pausenlos leid, was Alles noch doofer macht. Wie lange ist manchmal oder kurz gesagt: wann hört es endlich auf zu dauern? Das hat jetzt bald 2 Monate gedauert. Das ist jetzt aber mal genug. Obwohl, ich lag ewig im Bett mit Husten, Schnupfen etc., was meine Wirbelsäule absolut blöde fand. Meine Kniee sind beleidigt, seit Februar nehm ich wieder diesen blöden, ätzenden Aromatasehemmer. Eigentlich könnte ich mal sagen Alles ist doof, aber das ist ja auch irgendwie doof. Also Schluss jetzt, ich werde schon ganz wirr in der Birne.
Im Moment ist mein Leben wie die Pralinenschachtel von Forrest Gump, ich weiß nie, was drin ist als Überraschung. Die Tage habe ich unterwegs ein Schild gesehen wo „Wanderbaustelle“ drauf stand. Es hat mich Jahre meines Lebens gekostet, das nicht irgendwie abzumontieren und mitzunehmen. Wahrscheinlich hätte ich mir da aber noch den Rest verrenkt. Es ist auch nicht so, dass ich mich langweile. 2x die Woche Lymphdrainage, geh ich da nicht hin oder zu wenig, habe ich das Gefühl auf einem Luftkissen zu liegen, links ist leider meistens meine Lieblingsschlafposition. Abgesehen davon steht der Arm ab, auch doof. Dazu kommt Shiatsu, die nette Frau klöppelt immer auf meinem Rücken und Schultern rum, dazu noch dienstags immer Osteopath. Obwohl, das ist echt cool. Ich habe ja schon versucht, alle möglichen Dinge mit Krankengymnastik jeglicher Art hinzukriegen, hat aber echt nie wirklich funktioniert. Und jetzt weiß ich auch warum. Mein Osteopath erklärt mir genau, was bei mir anders funktioniert, weil eben wegen kurze Arme. Das 1. Mal im Leben, dass ich überhaupt verstehe, was warum wie geht, bzw. nicht mehr. Er ist immer völlig begeistert, was alle geht, ich auf Gröbste angepisst, was nicht mehr geht. Es liegt eben im Auge des Betrachters. Hauptsache, er hat Spass. Ne, funktioniert wirklich. Ab donnerstags merke ich die Veränderung. Zwischendurch noch ne Runde Feldenkrais, das ist auch klasse, gibt mir auch Verständnis für meinen Körper, allerdings nicht dafür, dass er so massiv nachlässt. Was mich tierisch nervt sind die Kollateralschäden durch die Chemo an meinen Füßen. Die Zehen sind fast taub und mir fällt alles raus was ich so aufheben will. Bücken oder in die Hocke fällt auch aus, ich weiß nicht wie die Kniee drauf sind, ob sie mich wieder hoch lassen. Das Einzige was noch irgendwie geht ist baden. Jeder Unfallbeauftragte würde zwar einen Herzanfall kriegen, wenn er das sieht, aber wenn ich was will dann beiße ich mich fest, obwohl, geht auch nicht mehr so wegen der Zähne und mein Zahnarzt baut ja kein Metall in Krebsis ein. So, wenn ich das erledigt habe alles muss ich zwischendurch ja auch noch 30 Stunden arbeiten. Nebenbei bin ich auch noch in Sachen Krebs unterwegs oder gehe mit Anderen mit zur Untersuchung. Man könnte sagen, jaaaaaaaaaaaaaaa ein durchaus ausgefülltes Leben. Freizeit und Leute treffen hab ich noch nicht mal mit eingerechnet. Alles toll sagt mein Kopf, mein Fahrgestell sagt: hm, da müssen wir mal drüber reden. Das habe ich geflissentlich etwas länger ignoriert, aber als ich fast ins Bett gepinkelt habe, weil ich vor Schmerzen kaum aufstehen konnte, ja da war ich dann doch mal diskussionsbereit. Zugeben zu müssen was nicht geht, bzw. dass was nicht geht, ist nicht gerade so meine Stärke. Aber da ich ja langsam altersweise bin, okay, ich muss was ändern. Einmal ein Tag ohne Schmerzen, nur einmal noch, das wäre schön. Geht theoretisch, 2 ibu 600 in 3 Gläser Rotwein……….. gar nichts tut weh, wahrscheinlich noch nicht mal, wenn ich mit dem Hammer draufkloppe. Praktisch geht es aber nicht wirklich, meine Leber hat das zugelassene Höchstgewicht und Größe überschritten. Fällt das Scheißding mir auch noch in den Rücken.
Was nun? Ich bin von Grund auf faul und brauche immer nen Arschtritt. Manchmal bin ich auch betriebsblind und brauche input von Fremden, die mich noch nie gesehen haben. Also habe ich mir einen Termin bei einem Fachanwalt für Sozialrecht gemacht und dem guten Mann mal die Lage geschildert. Auch so Dinge wegen Erwerbsunfähigkeit, Frührente, auf was man so achten muss, wobei man Kohle verliert usw.. War wirklich klasse und hat letztendlich zu einer einfachen Frage geführt: wenn mir bei der nächsten Vorsorgeuntersuchung gesagt wird, es tut uns leid, Sie haben vielleicht noch 3 Monate, was löst das in mir aus? Tja, erste Reaktion wäre verdammte Scheiße, das war nicht der Plan. Aber die Frage ist wie geht es weiter? Sage ich: Mist, ich wollte noch das und das machen, ich hab nur gearbeitet, ich wollte doch noch dieses, jenes und überhaupt. Was setze ich noch schnell auf die Löffelliste? Oder geh ich raus und sage: verdammte Scheiße, das war nicht der Plan, aber wenn es so ist, dann ist es so und solange will ich nichts ändern. Es ist gut so wie es ist. Das wäre natürlich der Hammer. Also bin ich mal mit mir in Klausur gegangen und hab die Fakten auf den Tisch gelegt, in echt, Selbstverarschung bringts nicht, da muss man schon mal ehrlich zu sich sein. Jedenfalls hab ich für mich rausgefunden, was mich glücklich macht, zumindest im Moment, was in nem Jahr ist, weiß auch keiner. Natürlich muss man sich das Glück leider aus leisten können, ohne Geld geht es nicht. Und ohne ein soziales Umfeld auch nicht. Aber ich habe eine erstaunliche Entdeckung gemacht. Ich brauche keine Löffelliste, alles ist gut wie es ist, es ist nur zu viel. Also ist der Beschluss, unter Beleuchtung aller Aspekte, ab nach den Sommerferien reduziere ich meine Stunden von 30 auf 20. Damit habe ich mehr Zeit für mich. Ich habe das Glück, in einer Firma zu arbeiten, die mich unterstützt, geniale Kollegen zu haben und mir diese 20 Stunden wöchentlich so einrichten zu können, wie es gerade passt und nötig ist. Natürlich fehlt das Geld hinterher an der Rente, aber mal ehrlich …….. ich denke nicht an in 5 oder 6 Jahren. Ich lebe jetzt und sollte ich es erleben dann noch zu leben, ey, meine Wirbelsäule ist dann auf jeden Fall tot. Jetzt, hier und heute und nicht irgendwann. Das war echt ne schwere Geburt, aber manchmal schadet zu viel denken. Lieber auf den Bauch hören, das ist der neue Plan.
So und jetzt muss meine Leber nochmal stark sein, heute muss noch das eine oder andere Gläschen rein. Morgen stehe ich vor eigentlich der größten Herausforderungen in meinem Leben. Termin in der Augenklinik wo die Fragestellung ist, würden die mein Auge operieren und würde ich mich wirklich trauen. Ich wollte schon als Kind immer besser sehen können als lange Arme zu haben. Irgendwelche Idioten fragten immer: na, wünschst du dir nicht auch lange Arme mein Kind? Nö, lieber auf beiden Augen sehen. Hat auch nie einer verstanden. Jedenfalls bin ich mittlerweile auf dem einzig sehenden Auge auf minus 13 Dioptrien, auch Conterganschaden und Krebsmedis, und natürlich würge ich mir ne Kontaktlinse mit dem dicken Zeh ins Auge, aber es nervt und dauernd Brille zum Lesen drauf, nächste PC, es bitzelt bei hellem Licht vorm Auge und überhaupt. Ich bin am Ende meiner Frustationstoleranz. Meine Augenärztin hatte die coole Idee, einfach komplett die Linse zu entfernen. Macht man das bei einem Normalsehenden, dann hat der hinterher eine Fehlsichtigkeit von ca. plus 10 Dioptrien. Würden dann bei mir noch minus 3 übrigbleiben, soviel hätte ich noch niiiiiiiemals im Leben gesehen. Aber eben die Gefahr liegt darin, wenn was schiefläuft, dann wäre Schluss mit lustig, deshalb sind Ärzte nicht wirklich begeistert. Ich bin total hibbelig und gespannt auf die Optionen … und ob ich mich im Endeffekt traue.
Wie gesagt, Langeweile ist jetzt nicht so das Problem……… nächste Woche gönne ich mir passend zum Darmkrebsmonat eine Spiegelung, aber das ist dann eine neue Geschichte.

Wetterfühligkeiten

Wie heißt es so schön: die Zeit heilt alle Wunden, na denn……….. Aus Erfahrung mit Wunden aller Art kann ich sagen, dass manche Wunden Narben hinterlassen, die wiederum manchmal sehr auf das Wetter reagieren. 2018 begann scheiße sowie 2017 endete, nämlich mit dem Tod einer alten Freundin. Wobei mit alt definitiv die Jahrzehnte gemeint sind, die wir uns kannten. Ansonsten war sie ein Jahr jünger als ich und auch ein Conti, mit 4fach Schädigung wie es so schön im Amtsdeutsch heißt, dh. kurze Arme und nur Füße unterm Hintern. Oh, ich höre schön das entsetzte Raunen, wie furchtbar, nö, war nicht furchtbar, nur eben früher manchmal mühselig aber Spaß hatten wir doch. Als wir so 11 oder so waren und sie noch etwas handlicher, konnte man sie prima in den Mülleimer stecken, wenn sie genervt hat. Ja, das waren noch gute Zeiten. Das wird definitiv eine größere Narbe, die auch sicher den Rest meines Lebens zu spüren sein wird. Denn sie war mein Vorbild. Immer wenn mir ein Furz quer hing oder ich mit meinem Schicksal haderte, wobei es gar nicht so um Schicksal an sich ging, sondern eher um irgendwelche momentanen Dinge wie, scheiße, krieg ich nicht auf oder 3 cm fehlen um an was ranzukommen………… son Kram halt …………. Wie oft dachte ich, ey, geht’s noch, denk an Gerlinde. Okay, gewonnen, obwohl, ha, sie hatte ja 24 Stunden Assistenz, dh. sie konnte sich helfen lassen und ich????? Mal ernsthaft, das hab ich am meisten bewundert, dauernd jemanden um sich zu haben, ich würde irre, diejenigen mit mir auch. Sie lebte getreu dem Motto geht nicht, gibt’s nicht. Skifahren, tauchen, Auto fahren (möglichst noch mit ner Zigarette im Mundwinkel) alles null problemo. Was ich mich dagegen traue ………… bin ich eher ein Weichei. Wie dem auch sei, ich werde sie fürchterlich vermissen, bin aber sehr glücklich, dass ich sie die letzten 3 Wochen intensiv begleiten durfte. Süße, du wirst mir fehlen.
Vor lauter Doofkrebs hab ich irgendwie aus den Augen verloren, dass man auch an was anderem sterben kann. Ist aber genauso Mist. Aber, wie war der Plan? Gestorben wird hier erstmal nicht, obwohl ich manchmal denke, hm, meine Füße üben schon mal tot sein auf Probe. Die sind im Moment irgendwie völlig taub und alles was ich greifen will fällt raus. Das nervt total. Also mehr mit den Händen. Geht auch nicht wirklich, mir tun die Gelenke weh. Jammern hilft auch nicht weiter, hm, wenn einer ne Idee hat, nur her damit. Spätfolgen und Zometa haben sich ja meine Zähne als potentielles Opfer geortet, da muss ich mir auch langsam was einfallen lassen. Implantate macht mein doc nicht, er sagt, er verbaut nix mit Metall in Krebspatienten. Bislang ging Fleisch schneiden ganz einfach: Gabel in den Mund zwischen die Zähne, natürlich anderster rum. Reinspießen und mit rechter Hand schneiden. Easy, aber leider vorbei, das halten die sanierten Zähne nicht wirklich aus und dann bricht hier und da ein Stückchen ab, super. Da ja auch das Handgelenk weh tut, muss ich immer ein scharfes Messer haben, gibt’s aber fast nie. Neuer Plan, linken Dekoarm, nach Entnahme von 15 Lymphknoten ist der auch leicht angepißt, vorwuchten und Gabel halten. Ist lustig, bei der Bewegung krieg ich einen derartigen Krampf in die Doofkrebsbrust, dass ich alles wegschmeiße. Ich befürchte, langsam wird es Zeit sich an früher zu erinnern. Da haben sie uns Contis mit nur ohne Arme genötigt, alles mit den Füßen zu lernen, auch essen. Krieg ich theoretisch hin. Linkes Bein auf den Tisch und Gabel halten. War früher einfach, leider sieht das mein durch Chemo taub gewordener linker Fuß anders. Gabel rutscht raus. Aber es reizt mich total, mal in ein sauteures Lokal zu gehen, wo einer schöner ist als der Andere und dann den Fuß, bzw. halbes Bein auf den Tisch. Natürlich ordentlich Zehennägel lackiert, vielleicht noch einen funkelnden Ring auf einen dicken Zeh, muss ja zum Ambiente passen, ich gebe zu, das wärs. Wer würde was sagen, käm jemand zum Essen vor lauter gaffen? Würde ich dezent drauf hingewiesen, hier gehören keine Füße auf den Tisch? Das nehme ich mir auf jeden Fall vor. Das geht aber nur, wenn ich mental gut drauf bin, das ist im Moment definitiv nicht so. Mutters Freundin, meine Prinzessin und jetzt Gerlinde hat mich ziemlich runtergehauen. Ich brauche dringend ne Auszeit, ja, eine Woche Ostsee Anfang Februar. Ich freu mich so darauf. Obwohl Februar ist ja auch wieder ätzend, denn dann sind meine 3 Monate ohne Aromatasehemmer rum. Hab ich schon mal gesagt, dass ich es hasse? Und seit Tagen diskutiere ich wieder das Für und Wider. Studientechnisch ist es auf jeden Fall besser und ev. hat ein Rezidiv keinen Bock auf das Zeug, aber meine Lebensqualität ist auf dem absteigenden Ast. Also ist die Frage: wo ist der Punkt, dass ich keine Lust mehr darauf habe. Im Moment ist der bei mir noch in langer Ferne, aber gerade nach den Erlebnissen mit Gerlinde bin ich doch aufmerksamer und nachdenklicher. Ich werde diesmal mit dem Aromatasescheiß wieder anfangen, ganz einfach, denn wenn nicht, weiß ich ja nicht was schlimmer wird dadurch und verdächtige die Spätfolgen des armen Contergans ……. Hinterher ist es noch unschuldig, Spass…. .
Es ist wie es nun mal ist, aber manchmal ist mein sonniges Gemüt auch im Urlaub. Also fahr ich direkt mal hinterher.
Sehen wirs mal so: ich kann auch Fisch oder Nudeln essen, Reis oder Suppe, alles mit nichts schneiden müssen. Gegen die Schmerzen hilft Ibu 600 in Rotwein und außerdem kann ich ja immer noch um Hilfe bitte, was aber die letzte Option wäre. Nicht, weil es mir unangenehm ist, ich bin im Grunde saufaul und wenn ich mir immer helfen lasse, dann kann ich irgendwann gar nicht mehr allein. Und dazu hab ich keinen Bock. Kommt noch früh genug. Gott sei Dank fliege ich nicht an die Ostsee, es wäre schwierig zu erklären, warum man im Gepäck außer Bügeln, Türklinken, Haken und was weiß ich was auch noch ein Messer hätte. Das nehm ich doch mal glatt mit, man weiß ja nie. Es ist wie es ist und bleibt weiter spannend.

 

2017

Irgendwie ist es Mode auf das Jahr zurückzublicken. Okay, es wäre nett, wenn es bald aus meinem Leben verschwinden würde. Wobei ich 2018 aber auch nicht so richtig traue. Irgendwas ist immer. Aber vielleicht kann ich ja mal einen kleinen Wunsch äußern, also: lieber Arschkartenverteiler, wie wäre es, wenn du mich dieses Jahr einmal verschnaufen lässt. Und, damit wir uns richtig verstehen, nicht nur mich, sondern ALLE die ich liebe, schätze, kenne……… Ich höre schon, soviel auf einmal, das geht aber nicht. Doch, mit ein bisschen gutem Willen… . Also gib das bitte weiter an den Wünscheminister.
Die Sache mit den Wünschen ist interessant. Ich hatte die Tage einen kurzen Gedankenaustausch mit einem befreundeten Arzt. Bislang habe ich die Angelegenheit immer aus der Patientenperspektive betrachtet. Was wünsche ich mir von meinem Arzt? Und gerade zu Weihnachten. Ganz einfach, er soll seinen Arm um meine Schultern legen, mich vertrauensvoll anlächeln und sagen: Frau Kuhnt, es ist alles gut, der Doofkrebs kommt nie weder, Sie sind geheilt, alle Nebenwirkungen werden verschwinden, Sie haben ein langes und glückliches Leben. Dann soll er mir papsttechnisch einen Kuss auf den Scheitel setzen und entschwinden …… ach ja….. .Und dann klingelt der Wecker, Zeit für die Realität. Also ich kann natürlich nur über mich reden, ich erwarte einfach nur gnadenlose Ehrlichkeit, perfekterweise gepaart mit dem Angebot der Hilfe bei allem was kommt. Ich glaube, es ist für einen Arzt auch nicht immer einfach. Ich weiß nicht ob ihr es wusstet, Ärzte sind auch nur Menschen. Einen mag man mehr, einen weniger, egal ob Doc oder Patient. Da immer den Mittelweg zu finden, sich auch nicht zu viel reinzuhängen…… hm, ich glaube ich danke jetzt mal all so meinen Ärzten, die das für mich seit 2013 wundervoll umsetzen. DANKE
Was war nun mit 2017. Das Jahr fing an mit ner Knie-OP, dem doc kann ich auch danken, der hatte kein Problem damit, dass ich schnell noch vor der Narkose zum Hausdoc bin um mir die Portnadel setzen zu lassen. Hatte er so auch noch nicht, aber dafür ist Porti ja da, also sagte er, probier ich. Soweit so gut, Wochen später bekam ich mörder Oberschenkelprobleme, laufe ging nur gebückt, Orthopäde und was es sonst noch so gibt, nix hat geholfen. Ich glaube 100 Ibuprofen in 3 Monaten reichen nicht, ätzend. Das Schicksal hat sich wahrscheinlich in der Adresse geirrt und so bin ich über Umwegen bei dem Osteopath meines Vertrauens gelandet. Der hatte einem Conti auch noch nicht live und in Farbe gesehen und musste mich erstmal durchtasten, wo nun alles was verschoben, verklemmt und gebogen ist. Ich glaube ich sichere seine Rente. Es war und ist mühsam, lohnt sich aber. Nur mit meinem Ego gibt es manchmal Probleme. Ich sehe es einfach nicht ein, dass immer mehr nicht geht so wie letztes Jahr. Wenn ich das hochrechne, was sich allein seit Anfang der Doofkrebsbehandlung verschlechtert hat, die Perspektive ist düster. Und das kotzt mich an. Meine Selbstständigkeit ist das Wichtigste für mich immer gewesen und es nervt mich, dass die Handtaschen mittlerweile Rucksäcken gleichen, ich brauche dies und jenes Hilfsmittel. Ich hasse es. Kriege dann oft als Antwort: Sei doch froh, dass es das überhaupt gibt. Nein, ich will jetzt frustriert sein. Punkt, basta, aus. Und jetzt sind schon 2 Monate ohne Aromatasescheißdreckshemmer rum, einen hab ich noch. Am 30.1. gibt’s ne Infusion mit lecker Zometa, für gegen Knochenmetas, und ab dem 1.2. sollte ich mir dann wieder den blöden A…hemmer täglich gönnen. Es war echt besser, natürlich habe ich immer Knochenschmerzen, die Füße brennen, manchmal tut mir die Hand so weh, dass ich nicht einkaufen gehen kann…………. Aber alles gedämpfter als mit dem Zeug. Die berechtigte Frage ist also, nehmen oder nicht. Leider lese ich zu viele Studien. Mal sehen wie es wird. Und im März kommt dann die große Entscheidung, lass ich mein einzig sehendes Auge operieren, bzw. trauen die sich das? Also langweilig wird’s als Conti mit Doofkrebs echt nicht. Ich hab jetzt keine Lust im Einzelnen nochmal drüber nachzudenken, wen ich alles in 2017 verloren habe, das bringt mich nicht weiter, nur, jedes Mal wenn ich dachte, so wie jetzt, haltet die Zeit an, kam der nächste Kack. Und das Jahr endet im Diako auf der Intensiv, wo ich täglich nach meiner Freundin sehe, die ist zwar sediert und beatmet, muss sich aber das tägliche Leben von mir erzählen lassen.
Also alles ganz furchtbar sozusagen. Aber die Medaille hat ja bekanntlich 2 Seiten. Ich habe tolle Leute kennengelernt. Zum Beispiel über eine Facebook-Gruppe über Umwege eine Kriegerin aus der Nähe, wir treffen uns jetzt vor Ort. Ich liebe es, dass es so viele Mädels gibt mit denen man sich in den sozialen Netzwerken austauschen kann, mit Daumen drücken bei Untersuchungen, Mut machen und all so was. Und oft denke ich, so, jetzt komm mal auf den Teppich zurück, was du da gerade gelesen hast, da geht es dir doch gut. Ich gebe zu, manche verliere ich Das ein bisschen aus den Augen, bzw. dem Auge.  Und ich durfte ja aus meinem Gemeckere ein bisschen vorlesen bei der Krebsberatungsstelle der DRK-Klinken, dank Dr. Kleiß, dem Chefonko. Das war wirklich für mich ne interessante Erfahrung. Und ich hatte noch viele tolle Sachen und Momente mehr. Und was ich auch über mich erfahren habe, ich bezeichne mich sicher als Kriegerin, aber ich kämpfe nicht gegen den Doofkrebs. Kriegerin heißt für mich, ich bin auf dem Kriegspfad, nehme es persönlich wenn er zuschlägt irgendwo, schaue rechts und links, versuch ihn nicht so weit vor kommen zu lassen, aber kämpfen? Nein, eher ist es loslassen, Dinge und Menschen die mir nicht guttun. Ich versuche mich auf das Wesentliche und auf mich zu konzentrieren. Da bin ich aber voll beschäftigt. Mal ehrlich, vor 2013 habe ich mir nicht mal ein Viertel soviele Gedanken um mich und mein Leben gemacht. Man sollte einfach mal ohne Doofkrebs damit anfangen.
Und bekanntlich, das Beste kommt zum Schluss: Ich habe das Jahr überlebt !!!
Das ist übrigens auch der Plan für 2018. Also liebes Jahr, gönn mir mal eine Pause zum Durchatmen. Und denk dran, nicht nur mir………..
Und zum Schluss natürlich, Dank an euch Alle. Die mich lieben, mögen, aushalten, unterstützen, helfen und tausend andere Dinge für mich tun. Denn niemand ist eine Insel.
Wehe das Jahr legt sich mit einem von Euch an.